ISRU – Iranian Silk Road Ultramarathon – Part 6

Jetzt sitze ich hier in Siegburg bei der Kfz Zulassungsstelle und denke zurück an die Zeit in der iranischen Wüste.

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Viel Gegensätzlicher kann das nicht sein. Obwohl, dort musste ich auch das ein oder andere mal warten. Aber irgendwie war das dort was anderes. Doch als ich in der Caravanserai aufwache, ist an Warten nicht zu denken. „Hurry up, Steffen! Hurry up!“ schallt es über das Camp. Eine viertel Stunde vor der vereinbarten Zeit muss ich auf den Jeep springen. Hoffentlich habe ich nichts vergessen denke ich als wir in der Dunkelheit zu Checkpoint 3 fahren. Heute steht die lange Etappe an. 80km. Um 5:30 Uhr ist Start. Die Fähnchen, die den Läufern die Strecke markieren werden von uns mit Leuchtstäbchen ergänzt. Bis zum ersten Checkpoint werden wir von den schnellsten Läufern eingeholt. Dann kommen wir schneller voran, da uns ab jetzt die Leuchtstäbe nicht mehr aufhalten. Es ist mal wieder eine wahnsinnig faszinierende Landschaft. Und bei Sonnenaufgang wirkt das ganze noch viel beeindruckender. Was für eine schöne Lichtstimmung! Ich habe mich dazu entschlossen heute von Checkpoint 3 zu Checkpoint 4, ca. 10km, mit Rafael aka Wüstenfuchs mit zu laufen. Ich will ihn mit der GoPro filmen und beim Lauf ein kleines Interview führen. Das ist möglich, da er in der Wertung der 180km Variante genug Vorsprung hat um bis zum Ende den Sieg nach Hause zu holen.

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Doch vorher erkunde ich Rund um den Checkpoint noch die Gegend. Es sieht wieder ganz anders aus als am Vortag. Die Berge sind höher geworden. Es sind immer wieder weiße Salzkrusten zwischen den Sandböden und es ist unfassbar still. Man hört das eigene Blut durch die Ohrläppchen fließen. Es ist wirklich ein komisches Gefühl. Hier ist weit und breit nichts.

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Ich besteige einen der Berge und habe einen atemberaubenden Blick.

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Ich verharre hier einige Minuten, muss dann aber wieder den Abstieg angehen. Diesmal erwische ich den Führenden der 250km Variante, Mohammed. Auch von den Verfolgern kann ich tolle Einstellungen drehen. Ich bin zufrieden und ein bisschen nervös wegen meinem ersten kurzen Wüstenlauf, der kurz bevor steht.

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Ich checke nochmals die Action CAM und dann erscheint Rafael auch schon am Horizont.

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Er kann am Checkpoint nicht stehen bleiben, da er Probleme mit seinem Knie hat. Gehen wäre jetzt ein Problem. Wir füllen ihm seine Flaschen und dann mach ich mich mit ihm zusammen weiter auf den Weg. Es ist ein tolles Gefühl. Noch. Und ich denke immer wieder. „Irgendwann mache ich das auch mal.“ Wir haben viel Spaß, lachen viel und drehen ein paar Einstellungen und dann auch ein Interview. Dabei wird es auch emotional. Die Gefühle schwanken von purem Glück zur Melancholie. Vor uns weit und breit niemand zu sehen. Hinter uns auch nicht. Einsam in der LUT Wüste. Einmalig. Als wir den nächsten Checkpoint erreichen und für mich noch nichts geregelt ist, wie ich weiter komme, entschließe ich mich dazu weiter zu laufen. Noch bin ich auch einigermaßen fit und bin davon überzeugt das durchzuhalten. Checkpoint 5 ist für uns auch das Ziel. „Tschakka, du schaffst das!“ Dieser Teil ist der noch schönere. Landschaftlich. Körperlich wird’s langsam anstrengend. Die Hitze macht dem Kreislauf schon ordentlich zu schaffen. Später werden wir erfahren, dass das mit der heißeste Tag des gesamten Rennens ist. 55 Grad misst der Doc. Einige Laufuhren sogar noch mehr. Dann erscheint am Horizont unser Ziel und wir bekommen noch mal neues Wasser vom Renndirektor persönlich vorbei gefahren. Die letzten Kilometer ziehen sich. Die Beine und die Kondition sind nicht das Problem. Es ist schlicht und ergreifend die Hitze, die mir zu schaffen macht.

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Dann sind wir da. Wasser über den Kopf, hinlegen, Feierabend. Zumindest vorerst. Wir verbringen hier, mitten im Nirgendwo einige Stunden. Nach und nach treffen Läufer ein. Einige haben noch 30 km vor sich, nämlich die, die sich für die lange 250 km Variante entschieden haben. Andere bleiben mit uns hier. Darunter auch Raffaele, Tullio und Giuseppe. Wir veranstalten eine Marzipan Party. Mmmmh! Der feine Herr Fuchsgruber hatte das als Luxusartikel in seinem Rucksack. Dann legen wir uns zu fünft nebeneinander in Unterhose in den Sand. Ein Bild für die Götter! Erinnert etwas an den Ballermann. Nur ohne Sangria oder Bier, dafür taucht auf einmal aus dem Nichts ein riesiges gelbes spinnenartikes Viech auf.  Es krabbelt Raffaels Bein hoch. Er schreckt auf. Das Wesen flitzt über den sandigen Boden. Raffaele meint es sei nicht gefährlich. Er hat schon etliche Wüsten Erfahrungen gesammelt. Also versuche ich Aufnahmen davon zu machen. Ich finde es sieht gefährlich aus und ich fühle mich nicht wirklich wohl in der Nähe dieses Wüstenkrabblers. Dann kommt die Dämmerung und mit ihr zwei Jeeps, die uns zum Camp kutschieren sollen. Rafael und ich wollen unbedingt hinten auf der Gepäckablage mitfahren. Das hier ist ja schließlich ein Abenteuer! Es macht Riesen Spaß im Stehen über die holprige nicht vorhandene Piste zu düsen. Ich habe mir beim letzten mal schon ein paar blaue Flecken geholt. Es hat sich trotzdem gelohnt. Wir bleiben unterwegs ein paar mal stehen. Es scheint ein Problem zu geben. Aber es will irgendwie keiner mit Informationen raus. Wir vermuten, dass sich irgend ein Läufer bzw Läuferin in der Dunkelheit verlaufen hat und sie jetzt auf der Suche sind. Wir halten dann nochmals in einem kleinen Wüstendorf. Wir sitzen mittlerweile im Innenraum des Jeeps. Das Gelände wurde zu extrem um weiterhin draußen im Stehen zu fahren. Es tummeln sich die Dorfbewohner mit Kindern um unsere Jeeps. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Affe im Zoo. Dann geht es endlich weiter. Mit dabei immer das mulmige Gefühl es könnte jemand verloren gegangen sein. Dann scheint das Problem gelöst zu sein. Was auch immer es war. Jedenfalls scheinen alle Läufer auf Kurs zu sein. Ich kann es kaum erwarten endlich im Camp anzukommen und mich flach zu legen. Es war ein anstrengender Tag und es ist immer noch fürchterlich heiß. Ich bekomme Zweifel, ob ich das wirklich nochmals machen will. Doch wenn ich dann wieder so darüber nachdenke ist es so ein traumhaftes Erlebnis und dass es Momente gibt, auf die man verzichten könnte ist wohl normal. Heute liege ich nicht im Zelt mit meinen italienischen „Jungs“. Ich habe vorerst ein Zelt für mich alleine. Doch einige Zeit später kommt Jenny. Ich räume für sie mein Zelt. Da allerdings kein anderes frei ist werde ich wieder in dieses verwiesen. Jenny hat nichts dagegen. Ich versichere ihr brav zu sein, schließlich habe ich Frau und Kinder. Am frühen Morgen kommt Mahsa, Stephanie und Ali endlich ins Camp. Erleichterung macht sich breit. Sie waren 26 Stunden unterwegs. Eine wahnsinnige psychische Leistung so etwas durchzuziehen. Ich ziehe meinen Hut.

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