Train 4 Sahara Race (Namibia) Spezial – Rodgau 50

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09:29 Uhr, ich darf mich für ein Präsent entscheiden. Nein, es gibt kein Knoppers morgens um halb zehn in Deutschland, sondern Kappe, Schweißband oder Gürteltasche. Ich entscheide mich für die Letztere und nehme auch gleich noch meine Startnummer für den Rodgau 50 mit. 2 Minuten später und ich hätte die offizielle Abholzeit verpasst und das kam folgendermaßen.

Es ist Freitag Abend, der 27.01.2017, und ich will früh ins Bett um ausgeschlafen an den Start zu gehen. Wie so oft gelingt mir das nicht. Ich check noch meine mails, lese in sozialen Netzwerken, bereite meine Ausrüstung vor und und und. Nach ca 7 Stunden unruhigen Schlaf und der Morgenhygiene mixe ich mir mein abgewogenes „Buffer“ in die Trinkflaschen. Das ebenfalls abgewogene Müsli wird verzehrt und der „Starter“ getrunken. Alles nach Plan. Naja fast. Ich liege 10 Minuten hinter der Zeit. Aber alles im grünen Bereich. Warum ich das alles so penibel auf den Gramm genau abgewogen habe? Ich wollte Bedingungen schaffen, die möglichst nah an denen des Wüstenetappenrennens liegen, welches ich Ende Mai in Angriff nehme. Außerdem bin ich ein kleiner Monk. Gut die Temperaturen lassen sich nicht anpassen. Auch nicht von mir. Leider! -7° Celsius. Selbst Dr Nobs kann da nichts machen. Aber wenigstens die Ernährung und die Ausrüßtung soll passen. OK, den Rucksack habe ich auch etwas leichter gepackt. Knapp 4 Kilo müssen heute reichen. In Namibia werden es um die 9kg. Ich spüre die Beine noch von den letzten Wochen hartem Training. Da habe ich die Wochenumfänge bis auf 110 km gesteigert.

Also mit leichtem Gepäck jetzt aber schnell ins Auto und ab nach Rodgau.

Das müsste ich schaffen. Nach Navi habe ich vor Ort noch 15 Minuten um meine Startunterlagen zu holen. Alles easy! Doch als ich gerade auf die Autobahn abbiege, klingelt mein Handy. Flaschen vergessen! Da bin ich wohl mit zu leichtem Gepäck gereist.

Mein Puls steigt schlagartig auf Wettkampfniveau.

Umdrehen ist jetzt auch nicht so einfach auf der Autobahn und schon gar nicht auf der 66 Richtung Hanau. Da wird nämlich aus Richtung Hanau ein bis Hanau. Vorher gibt es da nämlich keine Möglichkeit, wenn man nicht als Geisterfahrer verknackt werden will. Meine Schwiegermutter ist so lieb und trägt mir die Flaschen bis zum örtlichen Bäcker, damit ich nicht auch noch durch die Einbahnstraßen gurken muss. Das hat mir meinen Startplatz gerettet. Ich komme also 1 Minute vor Startnummernabholfrist an und werde freundlich bedient. Dann ein kleiner Fußmarsch zur Startlinie. Das Abenteuer erster Ultramarathon kann beginnen. Pünktlich um 10 Uhr ist bei strahlend blauem Himmel Start.

Der Rodgau 50 ist ein flacher Ultramarathon durch Wald und Feld auf befestigten Wegen. 2km sind asphaltiert. Es ist eine schöne 5 km Runde die man 10 mal laufen darf um die komplette Strecke zu absolvieren. Wenn man die vollen 50km nicht schaffen sollte gibt es ab 30km trotzdem eine Urkunde. Schöne Sache finde ich. Bis 16 Uhr muss man die letzte Runde beginnen um diese noch gewertet zu bekommen. Für 27 Euro Startgebühr ein gutes Paket.

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Mein Ziel für dieses Event ist es locker durchzukommen. Ich will versuchen meinen Puls um die 140 zu halten und das Ganze als eine Art Trainings-Test-Lauf für Namibia zu sehen. Ich will mich nicht verleiten lassen zu schnell zu laufen. Vor allem soll es meine Psyche trainieren. Spätestens ab Marathondistanz hat der Trainingseffekt sehr effizient eingesetzt.

Wenn man eins beim Laufen lert, dann ist es : „Krisen kommen und Krisen gehen!“

Das habe ich bereits in “Running Wild“ von Rafael Fuchsgruber gelesen, und es stimmt tatsächlich.

Runde 1, ein ziemliches Gewusel. Das Tempo wenig selbst bestimmt und dennoch ziemlich gut für mich. Ich überpace nicht. Mein Puls knapp über 140. Jetzt nicht vom Ehrgeiz packen lassen, lauf so weiter, denke ich mir. Und das tue ich auch. Ich bin überrascht von meiner Disziplin. Ich habe es tatsächlich zum ersten Mal in einem Wettkampf geschafft mich nicht mitreißen zu lassen und meinen Stiefel zu laufen. Nach der Runde hat man dann auch mehr Platz und alles sortiert sich etwas. Eine junge Läuferin vor mir in extrem kurzer Hose für einen Kühlschrank-Lauf gibt mir 4 Runden ziemlich genau mein Tempo vor. Das ist gut, so muss ich nicht ständig auf die Pulsuhr schauen. Nur leider muss ich kurz in den Wald verschwinden. Das kommt bei diesem Rennen noch 5 weitere mal vor. Was ist da los? Liegt es am Buffer, der Aufregung, der Kälte oder werde ich alt? Die Prostata lässt grüßen. Keine Ahnung! Jedenfalls geht mir das ziemlich auf die Nerven.

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Ich kann dann aber wieder Boden gut machen und kann einige Läufer überholen ohne in zu hohe Pulsbereiche zu kommen. Das viele Training scheint sich auszuzahlen. Ich werde hier und da angesprochen, ob ich für die Wüste trainiere. Ob das an meinem Rucksack liegt?! Möglicherweise falle ich damit etwas auf. Als ich bei Kilometer 25 meine erste Salztablette nehme wird es dann auch besser mit dem Wasser lassen. Und so nimmt das Rennen weiter seinen Lauf. Ich spule mein Programm ab. Konstante Pace bei 5:40 und Puls um die 145. Alles perfekt! Ich fühle mich gut, die Beine fühlen sich etwas schwer an, aber das war ja auch vor dem Lauf schon der Fall. Ich bin zuversichtlich das Ding hier problemlos zu beenden.

Die ersten kleinen Zweifel flammen mit dem Hunger ab km 35 auf.

Zwei Datteln und die negativen Gedanken sind wieder weg. Weitere 7 km läuft es super. Auch weil Kuno sich von hinten mit etwas nerviger Techno Mucke anschleicht. Nicht persönlich nehmen lieber Kuno. Aber das hat meinen Geschmack nicht getroffen 😉 Wir laufen 2 Runden gemeinsam und quatschen nett über Läufer Kram. Schuhe, Laufevents und unser gemeinsames Namibia Abenteuer. Wir treffen Joe Kelbel (den Autor von „100km für ein Bier“) auf der Strecke, der noch schnell ein Foto von uns schießt. Hab mich schon gewundert warum da Bierdosen an dem Baum an der Strecke deponiert sind. Bei dem Gedanken muss ich mal wieder Pinkeln und Kuno will noch 2 schnellere Runden laufen, so trennen sich unsere Wege wieder. Ab Marathon Distanz geht es abwärts mit meiner Ausdauer. Ich spüre die Beine deutlich und meine Pace lässt etwas nach. Ich verstehe gar nicht, warum der Veranstalter die Runden plötzlich verlängert hat. Oder ist das nur in meinem Kopf? Jeder Kilometer zieht sich wie Kaugummi. Später erfahre ich, dass die Runde überhaupt nicht verlängert wurde und so wird mir klar.

5 Kilometer sind nicht unbedingt 5 Kilometer. Einstein hätte das bestimmt irgendwie erklären können.

Überglücklich schleppe ich mich nach 4 Stunden und 48 Minuten als 210ter über die Ziellinie. Dort treffe ich Motsch, ein Lauffreund, und ich frage ihn, warum man sowas macht. Er weiß in dem Moment auch keine Antwort darauf. Aber er erinnert mich daran, dass wir gerade 50 Kilometer gelaufen sind. Und weißt du was, das macht ganz schön stolz und irgendwie auch verdammt glücklich.

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Die Krisen sind schnell vergessen. Die positiven Gedanken jedoch bleiben.

Danke an RLT Rodgau für die tolle Organisation und diese super Veranstaltung! Über 800 verrückte Ultraläufer aus ganz Deutschland und viele freundliche Helfer haben hier ein Lauffest gefeiert. Und ich bin einen großen Schritt weiter gekommen. Mein Selbstbewusstsein und der Glaube, dass ich die Namib meistern kann, sind gestiegen. Aber eins ist auch deutlich geworden. Ich muss noch viel trainieren in den nächsten 12 Wochen. Die Herausforderung ist angenommen! Weiter gehts!

P.S.: Danke an Norbert Wilhelmi für die tollen Bilder!

 

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