Sahara Race Namibia 2017 – Teil 4

Eigentlich müsste ich völlig K.O. sein und schlafen wie ein Murmeltier. Aber in jeder Nacht wird es schwieriger mit dem Schlafen. Mir tut der Rücken weh und wenn ich mich auf die Seite lege, tut mir die Hüfte weh. Auf dem Bauch kann ich nicht schlafen, also wieder zurück auf den Rücken. So geht das die ganze Nacht. Es ist eine Art Synchron-Sleep-Dance. Denn meinen Zeltmitbewohnern, vor allem Antje neben mir, geht es genauso. Nach einer nicht enden wollenden Nacht ist es dann endlich 5:30Uhr und ich kann ruhigen Gewissens aufstehen. Ab 4 wird hier Feuer gemacht. Dann wird es im Camp langsam unruhig. Es steht also die nächste Etappe an.

The Skeleton Beach Run

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42,8 Kilometer, die meiste Zeit am Strand entlang. Klingt fieß! Wird es auch werden. Soviel kann ich schon mal verraten. Bei dem all morgentlichen Briefing verarzte ich mir nochmal meine Füße. Ich muss heute mit sage und schreibe 13 Blasen an den Füßen an den Start gehen. Komisch dass mir das nur geringe Sorgen macht. Das Schmerzempfinden verändert sich hier scheinbar. Fast alle Teilnehmer haben Probleme mit Blasen. Normalerweise kenne ich das nicht von mir. Denke das liegt daran, dass wir relativ nah am Meer sind und nachts die Schuhe nicht richtig trocknen. Hinzu kommt, dass während des Laufs mehr Schweiß in den Schuhen steht als sonst. Die Gamaschen, die vor dem Eindringen von Sand schützen, schränken die Atmungsaktivität der Schuhe doch ein wenig ein.

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Ich will es heute etwas ruhiger angehen lassen um Energie für die lange Etappe zu sparen. Deshalb halte ich mich erst mal im Mittelfeld auf. Es ist heute deutlich heißer und es geht auch wesentlich weniger Wind. Der Schweiß tropft mir nach wenigen Metern schon von der Stirn. Energiesparend ist was anderes.

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Die ersten Kilometer habe ich leichte Knieprobleme. Das läuft sich aber zum Glück raus. Es geht über eine Salzebene und dann über eine farbenfrohe hügelige Landschaft runter zum Meer. Ich habe Musik auf den Ohren und singe immer mal wieder laut mit. Meine Stimmung ist gut, auch weil es bis hierhin erstaunlich gut läuft. Ich bin etwas überrascht von mir selbst, dass ich auch nach 2 Fast-Marathons an den Tagen zuvor scheinbar immer noch gut laufen kann. In meinem Wohlfühltempo arbeite ich mich wieder Position für Position nach vorne. Ich müsste noch vor dem ersten Checkpoint, nach 13 Kilometern, in den Top 15 gelandet sein. Ab hier geht es immer geradeaus am Meer entlang. Die Sonne brennt aber die Luft ist hier am Meer deutlich kühler. Somit ist es gut auszuhalten.

Ein faszinierender Blick.

Auf der einen Seite der Atlantik mit seinen mächtigen Wellen und auf der anderen die trockene Wüste, soweit das Auge reicht. Hier sind also so viele Seemännern ums Leben gekommen, weil sie gestrandet und dann bitterlich verdurstet sind. Und nicht nur das. Auch etliche Waale müssen hier umgekommen sein. Man muss aufpassen, dass man nicht über ihre Knochen stolpert. Ich überprüfe meine Flaschen. In der einen Wasser in der anderen mein Mineralgetränk, welches mir jetzt schon wieder Probleme bereitet. Immer wieder bekomme ich Schluckauf und mein Magen fängt an Druck zu machen. Was soll das?! Eigentlich bin ich noch fit aber das behindert mich schon sehr. Vor allem der Kopf will dann irgendwann nicht mehr. Durch dieses Problem nehme ich viel zu wenig Energie zu mir. Ich erhöhe die Ration der Salztabletten um wenigstens mit Elektrolyten gut versorgt zu sein.

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Meine Stimmung ist auf einem Tiefpunkt. Das „Well done!“ an Checkpoint 2 muntert mich kurz auf. Dieses Gefühl ist aber leider nur von kurzer Dauer. Ich fühle mich schlapp und das Laufen am Strand ist unglaublich kräftezerrend. Ich hatte gehofft, dass der Boden hart und gut laufbar ist. Das Gegenteil ist der Fall. Man muss sich ständig umorientieren. Mal ist es besser unten am Wasser, mal weiter oben. Ich verliere ein paar Plätze. Versuche mich immer wieder an die Mitstreiter ranzuhängen. Eine Weile gelingt mir das, dann muss ich abreißen lassen. Mit Sascha verbringe ich mehrere Kilometer. Mal ist er etwas vorne, dann wieder ich.

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Er hat ein ganz anderes Problem. Sein Knie. Ich bewundere ihn wie er das durchzieht. Er humpelt unter Schmerzen und kann trotzdem so ein Tempo gehen. Wahnsinn! Wir kommen an Kolonien von Seerobben vorbei. Ein unglaublicher Anblick. Irgendwie unwirklich. Hunderte von Tieren in dem sonst so lebensfeindlichen Gebiet. Am liebsten würde ich mich hier hinsetzen, ein Eis schlecken und die Tiere beobachten.

Aber ich habe eine Mission zu erfüllen. Die Etappe nach Hause bringen. Und wie war das? Ach ja, Kräfte sparen für die lange Etappe. Dass ich jetzt nicht anfange zu lachen ist der Ernsthaftigkeit zu schulden. Wie um Gotteswillen soll das gehen?! Nach 20 Kilometern am Strand passiere ich das Schiffswrack Henrietta. Hat schon was, wenn man stundenlang nur Sand und Wasser sieht.

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Kurz vor dem Checkpoint 3 muss ich dann auch Sascha ziehen lassen. Und nicht nur das, von hinten hat sich Riitta langsam angepirscht. Ich kann ihrem Stechschritt nicht folgen, da auch ich nur noch gehen kann und das habe ich nicht trainiert. Fataler Fehler! Meine Energie ist weg.

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Ab hier geht es ins Landesinnere. Über wunderschöne graue Steinhügel. Ich kann Tobias aus Namibia überholen, der sich einen Stock aufgesammelt hat um sich zu stützen. Das beruhigt mich. Es geht scheinbar nicht nur mir so, dass diese Etappe alles von einem abverlangt. Vorerst aber endlich nicht mehr diese Eintönigkeit denke ich noch, als sich aber dann vor mir diese Weite auftut. Eine Fläche, nur Horizont sonst nichts. Oh nein! Wo ist das Ziel? Ich kann es nicht sehen! Und es geht geradeaus, weiter geradeaus und noch weiter geradeaus. Immer auf diesen leeren Horizont zu. Und wäre das nicht schlimm genug, bläst der Wind von vorne wie verrückt.

Ich habe das Gefühl überhaupt nicht voran zu kommen.

Die Läufer vor mir werden immer kleiner und kleiner. Bis ich sie nur noch als winzige Punkte wahrnehmen kann. Die 9,7 Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Das Geröll am Boden und die Hitze hier im Landesinneren machen es nicht leichter. Dann Plötzlich in einer Vertiefung sehe ich das neongrüne Zielbanner aufblitzen. Keine Fatamorgana! Ich gebe nochmal alles und fange noch ein letztes mal an zu laufen. In 5:54 stolpere ich über die Ziellinie. Was für eine Qual! Rafael, Kirsten, Sascha und Kuno beglückwünschen mich. Irgendwie bin ich doch noch als 15ter ins Ziel gekommen. Wie kann das sein? Ich kann es nicht fassen. Ich dachte eigentlich ich wäre wesentlich weiter hinten gelandet. Dann kommt Peter als 17ter überglücklich ins Ziel. Er behauptet tierischen Spaß gehabt zu haben. Und nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen glaube ich ihm das sogar. Auch Kirsten und Rafael fanden diese Etappe wunderschön.

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Für mich war es Horror. Klar war es schön am Strand und die Seerobben und alles. Aber diese Eintönigkeit hat mich fertig gemacht. Vielleicht lag es auch einfach an der Kohlenhydratunterversorgung. Ich erzähle dem feinen Herrn Fuchsgruber, dass ich kurz darüber nachgedacht habe aufzuhören und das ein Bonn Marathon zu laufen doch viel schöner sei. Dafür bekomme ich einen ordentlichen Rüffel! Wusste gar nicht, dass er so böse werden kann. Aber im Nachhinein muss ich sagen er hatte Recht. Es kann noch viel schlimmer kommen. Jetzt erstmal regenerieren und Füße verarzten. Da ist nämlich nun ein weiteres schwerwiegenderes Problem aufgetaucht. Die Haut an der Unterseite hat sich gelockert und ist nach vorne gerutscht. Wie soll ich das erklären? Wenn man zwischen den Zehen durchschaut, blickt man nicht in die Luft sondern auf die überstehende Haut. Und das an beiden Füßen. Na das kann ja heiter werden auf den noch bevorstehenden 131 km…

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