Sahara Race Namibia 2017 – Teil 6

Hätte ich gewusst, dass ein Ereignis vor mir liegt was mein Leben derartig prägen wird, wie es sonst vielleicht nur die Geburt meiner Kinder und meine Hochzeit getan hat, hätte ich mich vorher noch etwas schick gemacht. So laufe ich in meiner stinkenden Salz verkrusteten Funktionskleidung unter dem Sahara Race Banner durch auf die längste Etappe meines Läuferlebens. Zumindest versuche ich es, das mit dem Laufen. Mein Knie macht etwas Probleme und die Füße schmerzen. Doch das merkt man nach einer Weile nicht mehr. Die schweren Beine allerdings schon. Schließlich bin ich in den letzten 3 Tagen 3 Marathons gelaufen, auf nicht gerade leichtgängigem Gelände.  Zum Glück geht das den anderen auch so. Das Tempo scheint heute allgemein etwas niedriger zu sein, was aber auch an der unglaublichen Hitze liegt. Wir haben bereits um 9 Uhr 35 Grad.

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Ich lasse es also langsam angehen in dem Wissen, dass es ein langer anstrengender Tag werden kann. Dass er für mich allerdings so lang wird, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Ich kann mich dennoch im vorderen Drittel des Feldes bewegen.

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Es geht entlang des Koiab Flußbettes landeinwerts Richtung Springbok Wasser. Bis zum ersten Checkpoint wechsel ich zwischen Laufen und schnellem Gehen. Ich komme ganz gut voran. Noch.

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Heute habe ich mir nur eine Flasche mit meinem Energiegetränk gefüllt, die andere nur mit Wasser, da ich in den letzten beiden Läufen bereits Probleme hatte die Mineralien zu mir zu nehmen. Dass ich nicht mal diese eine Flasche heute in mich reinbekommen werde und somit vor riesige Probleme gestellt werde ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wobei mein Magen schon jetzt Faxen macht.

Bereits an Checkpoint 1 muss ich eine kurze Pause einlegen.

Ich fühle mich nicht besonders gut. Egal. Mund abwischen, Wasser auffüllen und weiter. Es geht einen Berg hoch. Über einen schönen Trail die hügelige Landschaft entlang. Ich muss einige Läufer passieren lassen. Die Strecke bis zum nächsten Zwischenstopp zieht sich. Eigentlich nur 7 Kilometer aber wir haben extremen Gegenwind. An Laufen ist nicht zu denken. Meine Energie ist auf einem sehr niedrigem Level. Das wundert mich nicht, ich kann dieses Mineralgetränk nicht trinken. Mir ist mittlerweile richtig schlecht.

Auch an Essen ist jetzt nicht mehr zu denken.

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Das wirkt sich auch auf die Psyche aus. Kann ich das überhaupt schaffen? Ohne Essen, ohne Mineralien? Und das bei dieser Hitze. Der Blick auf mein Armband, welches mir meine Kinder gebastelt haben, gibt mir einen kleinen Schub und ich kann mich zu Checkpoint 2 kämpfen. Dort muss ich mich allerdings eine Weile hinlegen.

Ich bin K.O. Mir ist schlecht und ich bekomme nichts runter. Zusätzlich bekomme ich leichte Schwindelattacken. Das ist nicht gut. Das ist gar nicht gut! Ich denke zu diesem Zeitpunkt kurz ans Aufgeben. Aber ich weiß, dass ich noch genug Zeit habe. Also erst mal ausruhen und dann in Ruhe weiter machen. Nichts überstürzen. Krisen kommen und gehen. Was für bescheuerte Phrasen, wenn man sich gerade in einer solchen befindet. Claudia hat zu mir aufgeschlossen und bietet mir an, dass ich mit ihr gehen könne. Aber ich brauche noch ein paar Minuten. Dann setze mich auf, warte einen Augenblick, bis der Boden still steht, dann stelle ich mich hin, warte wieder einen Augenblick. Der Arzt schaut mir in die Augen, verabreicht mir eine Tablette für den Magen, notiert meine Startnummer und gibt mir schließlich die Freigabe weiter zu gehen. Ich mache langsam, extrem langsam, weil ich weiß, dass mein Kreislauf nicht wirklich auf der Höhe ist. Ich versuche erneut einen Schluck von meinem isotonischen Getränk zu mir zu nehmen. Es geht einfach nicht. Hätte ich die Energie, hätte ich jetzt vor Wut einen Schrei losgelassen. Stattdessen versuche ich mich zu fokussieren. Immer in Etappen denken. Es sind erstmal „nur“ 12 km bis zum nächsten Stop.

Nicht einmal 20 Kilometer sind geschafft und ich habe das Gefühl den nächsten Checkpoint nicht mehr zu erreichen. Die Hitze macht mir zu schaffen. Wir haben jetzt 45 Grad, mir ist schwindelig und kotzübel. Laufen liegt mir gerade extrem fern. Nicht einmal Gehen würde ich das nennen. Ich setze einen Fuß vor den anderen und dann den anderen vor den einen. Ich glaube das beschreibt es ganz gut. Dann sehe ich einen Jeep. Und davor sehe ich Leute sitzen. Meine Rettung! Schatten.

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Die Leute die sich dort aufhalten sehen auch nicht wirklich gut aus. Ich setze mich dazu und lasse mir Wasser ins Gesicht sprühen. Das ist sowas von gut! Mit was für Kleinigkeiten man mir in dieser Situation eine riesen Freude machen kann. Hier bleibe ich. Und tatsächlich verharre ich hier mindestens 20 Minuten. Ich lausche den Funksprüchen und erfahre so, dass bereits 15 Läufer ausgeschieden sind und dabei auch sehr erfahrene Kandidaten wie Bent aus Dänemark oder Ole aus Norwegen.

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Leider auch Doerte aus unserem Little Desert Runners Club.

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Es geht aber allen gut. Beim Aufstehen muss ich wieder langsam machen. Ich gebe Matthew und Scott einen Check und gehe weiter. Irgendwie habe ich es im Gefühl, dass sie es nicht schaffen werden. Sie sahen beide nicht gut aus. Aber sie versuchen es. Müssen dann aber tatsächlich aufgeben.

Es ist weiterhin brühend heiß und der Wind von vorne macht keine Pause. Was für eine harte Etappe!

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Nach Stunden der Qual erreiche ich dann aber tatsächlich gegen 15:30Uhr Checkpoint 3.

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Claudia ist auch noch da. Sie kümmert sich um mich. Ich bin völlig fertig. Wenn doch dieser Schwindel und die Übelkeit nicht wären. Ich lege mich hin mit den Beinen nach oben in der Hoffnung, dass es besser wird. Um 16 Uhr muss ich den Checkpoint verlassen, sonst bin ich raus. Das ist mir in dem Moment ziemlich egal. Ich will nur, dass es mir wieder besser geht. Dann raffe ich mich doch noch einmal auf. Claudia redet mir Mut zu. Der Arzt schaut mich skeptisch an. Er fragt wie es mir geht. Ich bin ehrlich und sage, dass mir leicht schwindelig ist, ich aber OK sei. Er schaut immernoch skeptisch. Ich rechne schon damit, dass er mich aus dem Rennen nimmt. Claudia steht neben mir und sagt, sie würde mit mir gehen. Ich sage ich gehe ganz langsam. Der Doc fragt bei Claudia noch einmal nach, ob sie wirklich mit mir geht. Sie stimmt zu und dann lässt uns der Arzt um 16:04Uhr wieder auf die Strecke.

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Wir machen uns einen Plan. Wie „schnell“ müssen wir gehen um bis 19 Uhr den Checkpoint 4 zu erreichen. 4km/h würden ausreichen. Eigentlich dürfte das kein Problem sein. Aber nur eigentlich. Mittlerweile fällt es mir sogar schwer die Salztabletten zu schlucken. Ich bekomme jedesmal einen Würgereiz. An das energiehaltige Getränk will ich nicht mal denken. Claudia will mich überzeugen es trotzdem zu versuchen. Ich müsse das tun um wieder Energie zu bekommen. Ich weiß dass sie Recht hat, doch es geht einfach nicht.

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Ich bin mit meinen Kräften am Ende und lege mich mitten im Nirgendwo auf den Boden.

Dann sage ich zu ihr: „Geh weiter! Du schaffst das! Ich warte hier auf einen Jeep und breche ab.“ Sie überredet mich ein paar Schlücke vom isotonischen Getränk zu trinken. Ich tue es und übergebe mich sofort. „OK, dann trink Wasser und nimm deine Salztabletten!“ Ist ihr Kommentar darauf. Irgendwie hat das was Lustiges aber zu Lachen ist mir gerade nicht zumute. Dann nimmt sie mich in den Arm und zieht mich hoch. „Wir schaffen das gemeinsam!“ Ich gehe also ein paar Schritte und merke, dass mir das gut getan hat. Das mit dem Rückwärtsessen. Und die Aufmunterung von Claudia natürlich auch. Ich bin ihr sehr dankbar und denke auf einmal wieder, dass ich es tatsächlich schaffen kann. Noch 6km und wir haben noch 1 Stunde und 40 Minuten. Das ist machbar. Dann wird es dunkel. Wir setzen die Stirnlampen auf  und gehen langsam weiter.

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Das Reden fällt mir schwer. Ich höre nur noch zu und blicke stur nach vorne. Dann ein Licht in der Ferne. Ich sehne Checkpoint 4 entgegen als wäre es die Ziellinie. Aber es stellt sich heraus, dass es nur ein Wagen der Organisation war. Also weiter. Die Zeit ist knapp und wir sehen erneut ein Licht. Aber auch dabei stellt sich heraus, dass es nicht der Checkpoint ist. Ich werde sauer und bin nicht gerade freundlich zu meiner Retterin. Das tut mir Leid! Dann teile ich ihr mit, dass ich, wenn wir es rechtzeitig schaffen sollten, am Checkpoint 4 eine Runde schlafen werde. Das war vor dem Start eigentlich nicht mein Plan aber in der Situation nicht anders machbar. Sie will weiter gehen, hat aber keine Lust alleine durch die Dunkelheit zu marschieren. Sie hat Schwierigkeiten die Fähnchen zu sehen. Dieses Problem löst sich aber als wir es dann tatsächlich 15 Minuten vor Cut Off, also um 18:45Uhr, schaffen uns ein „Well done!“ abzuholen. Ich bin so dermaßen erleichtert dieses Zwischenziel erreicht zu haben, dass mir fast ein kleines Lächeln über die Lippen kommt. Hier ist richtig was los. Mindestens 15 Läufer liegen hier rum. Darunter auch Manon, der sich Claudia dann anschließt. Ich kann mich also beruhigt ausruhen und weiß, dass Claudia nicht alleine durch die Dunkelheit muss.

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4 thoughts on “Sahara Race Namibia 2017 – Teil 6
  1. Erlich geschrieben Steffen. Mein Gott was hatte ich mitleid mit dir gehabt dieser Tag. Jedesmal wann ich dich gesehen habe gesagt das du es schaffen sollte und das wir uns treffen sollte unter den finish. Ich war und bin so schrecklich stolz auf dir das du es schlussendlich geschaft hatte. Es war ein Tag welche nemand vergessen. Ihre Kindern habe dich gerettet mit „Go Papa“

    1. Das stimmt mein Armband hat mich mehrmals gerettet. Aber auch meine Mitstreiter wie du, Claudia, Alexandra, Alain und die Volunteers und Ärzte. Es war unglaublich. Diese Menschlichkeit. Ein schönes Gefühl!

  2. Aaaaaah… Wo ist der nächste Teil… 🙂
    Hut ab, Steffen. Toll geschrieben und unglaublich was du da durch gemacht hast.
    Aber genau das sind doch die Momente die das Leben so lebenswert machen, oder.

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