Sahara Race Namibia 2017 – Teil 7

Auf einem Hügel an Checkpoint 4 einen Ruheplatz zu finden ist gar nicht so einfach. 2 Zelte stehen bereit. Die sind aber beide schon belegt. Unter dem Pavillon ist mir zu viel Trubel, also lege ich mich vor ein Zelt unter den freien Sternenhimmel. Eine gute Wahl. Für einen kurzen Augenblick vergesse ich meine Schmerzen und die immernoch vorhandene Übelkeit.

Momente des Glücks kommen auf.

Ich fühle mich als ein Teil dieser schönen Welt. Mitten im Nirgendwo, ohne Zivilisation, einfach nur Wüste, Weite und Freiheit. Okay, der Generator stört die ansonsten doch sehr beeindruckende Stille. Er ist es auch, der mich am Einschlafen hindert. Zum Glück! Denn ich sollte zuerst auf jeden Fall etwas essen, auch wenn ich nicht mal Lust auf den Schoko Volcano aus dem Fischrestaurant in Swakopmund verspüre. Aber da muss ich jetzt durch, wenn ich irgendwie die Chance haben will die restlichen 40 Kilometer zu schaffen. Also wieder das selbe Spiel. Tüte aufreißen, heißes Wasser rein, 6 Minuten warten und fertig sind die Spaghetti Bolognese. Da behaupte mal jemand ich könne nicht kochen. Einer der Südkoreaner bietet mir Pfeffer an. Als Feinschmecker sage ich da nicht nein und bin sehr überrascht als er eine komplette Pfeffermühle auspackt. Jetzt wundert mich gar nichts mehr warum sie dermaßen vollgepackte Riesenrucksäcke mit sich schleppen. Fehlt nur noch, dass er einen Ventilator auf dem Tisch positioniert. Soweit kommt es allerdings dann doch nicht. Ich lasse ihn von meinen Spaghetti probieren. Er räuspert sich. „Very salty!“ Es scheint ihm zu stark gewürzt zu sein. Man spürt eine seltsame aber schöne Art der Verbundenheit unter uns Leidensgenossen. Dann fange ich vorsichtig an zu löffeln. Erstaunlich! Ich muss nicht würgen. Im Gegenteil, es tut mir sogar gut. Mein Magen bekommt zum ersten mal seit 14 Stunden was anderes als Wasser und Salzkapseln kredenzt. Erleichtert gehe ich wieder zu meinem Schlafplatz. Ein paar Löffel dieses Festmals habe ich mir noch aufgehoben. Wollen wir mal den Magen nicht gleich überstrapazieren. Als ich kurz vor dem Einschlafen bin erschrecke ich im wahrsten Sinne des Worte tierisch. Ein Käfer mit einem stinkenden Klumpen in seinen Zangen kommt auf mich zu. Ich springe auf. Autsch! Da war doch was. Ein stechender Schmerz durchdringt meine Füße. Dann bücke ich mich hektisch, nehme mir einen Stein und schnippe den Käfer mit seiner Beute weg. Es ist ein Kotklumpen, der die Größe des Käfers um ein Vielfaches übersteigt. Und der Gestank lässt darauf schließen, dass der Stinki, wie meine Töchter sagen würden, noch recht frisch ist. „Es heißt ja auch Stinki und nicht Dufti.“ Würde in dem Moment meine Frau noch hinzufügen. Bezeichnend, dass ich sogar in so einem Moment an meine Mädels denke. Größere Tiere, außer uns Laufverrückten, wurden hier übrigens nicht gesichtet. Ich will mir das Szenario mit dem Klumpen besser nicht genauer ausmalen. Hoffe nur, dass der Volunteer, der neben mir die leeren Wasserbehälter stapelt, nicht meint, dass ich mich eingeschissen hätte. Ich löffel den Rest der Spaghetti aus um damit nicht weiteres Getier anzulocken.

Dann kann ich tatsächlich 2 Stündchen schlafen.

Immer wieder verlassen Rennteilnehmer das Camp, auch ich sollte mich demnächst aufraffen. Um 23 Uhr schaffe ich es mich zu überwinden.

149392195420170503_Namibia_Stage4_Small-237

Die Schuhe habe ich noch an. Das Risiko sie auszuziehen und danach nicht mehr rein zu kommen war mir zu groß auch wenn das Bedürfnis nach Fußfreiheit riesig war. Ich bin also in diesem Punkt vernünftig geblieben.

Also Stirnlampe auf den Kopf, das rote Blinklicht am Rucksack aktivieren und dann nichts wie los in die Dunkelheit.

Aber vorher hole ich mir von Ralf, (Volunteer, Mann von Antje und ein herzensguter Mensch) noch ein paar motivierende Worte ab. Das hat mir sehr geholfen. Jetzt heißt es wieder einen Fuß vor den anderen. Meter für Meter. Ich fühle mich wesentlich besser. Das Essen und die Pause haben sich gelohnt. Ich bin alleine, völlig alleine. Nur mein Schein der Stirnlampe und ich. Um mich herum alles schwarz. Völlige Dunkelheit und Stille. Irgendwie genieße ich das gerade. Ich bin völlig in mich gekehrt und meine Beine gehen vor sich hin. Ich denke zu diesem Zeitpunkt viel nach. An meine Mutter und meinen Vater. Mein Leben allgemein und dass ich in Zukunft viel mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen will. Ich will diesen Moment der vollkommenen Einsamkeit festhalten und schalte die Action Cam ein. Warum stört mich gerade beim Schreiben der Begriff „Action“? Mmh!? Kurz darauf fange ich an zu weinen. Glaubt mir das war nicht geplant. Ich spreche einfach drauf los. Alles was mir in den Kopf kommt. „Warum kann ich noch gehen, obwohl ich nicht mehr gehen kann? Warum kann ich nicht einfach in den Armen meiner Mädels liegen?“ Das ist nur ein kurzer Ausschnitt dieses Elends. Dann halte ich an. Ich schalte die Stirnlampe aus, lege den Kopf in den Nacken und schaue zu den Sternen. Wenn es nicht so furchtbar kitschig wäre, würde ich jetzt schreiben, dass ich mir vorgestellt habe, dass meine Frau jetzt auch dort hinschaut. Am Checkpoint 4 hatte ich mir die Kette mit den Glücksbringern um den Hals gelegt. Ich wusste, dass ich sowieso nicht mehr rennen würde und somit sie mich auch nicht stören würde. Der Löwe meiner Schwester, das Glücksherz meiner Töchter und der Brief meiner Frau waren so in meinem Blick und ich wusste, dass sie jetzt alle an mich denken würden. Eigentlich Schwachsinn, weil es bereits mitten in der Nacht ist. Wir haben 23:30Uhr und wahrscheinlich schlafen sie schon. Trotzdem gab mir dieser Gedanke Kraft. Ich ging weiter, dann stand ich vor einem Zaun. Ralf erzählte mir noch davon und sagte ich müsse rechts gehen, oder doch links? Mist! Was hat er noch mal gesagt? Es würde auf einer der Seiten ein Tor sein, durch das ich hindurch müsse. Ich schwenke also mit meiner Stirnlampe von links nach rechts und wieder zurück. Ich sehe kein Fähnchen. Was, wenn ich jetzt links gehe und irgendwann merke, das Tor kommt nicht. Oder umgekehrt. Hilft ja nichts.

Ich muss mich entscheiden.

Spontan gehe ich nach rechts. Erst nichts…, dann nach gefühlten 100 Metern das Tor.

So sah es wohl im Hellen aus als die meisten der Läufer dort durchgingen.

149392057720170503_Namibia_Stage4_Small-196

Erleichtert gehe ich durch und sehe jetzt auch wieder die Fähnchen. Geht doch! Mein Schritt wird jetzt schneller. Ganz in der Ferne sehe ich ein rotes Licht blinken. Das muss ein anderer Teilnehmer sein. Mit der Einsamkeit ist es jetzt auch genug. Unterstützung würde nicht schaden. Ich komme ganz langsam etwas näher und entdecke jetzt, dass es 2 sein müssen. Ich schaffe es erst zum nächsten Checkpoint die beiden einzuholen.

149392291720170503_Namibia_Stage4_Small-256

Als sie diesen verlassen, gehe ich kurz darauf auch los.

Plötzlich huscht eine ziemlich große Spinne in meinen Lichtkegel.

Ich erschrecke mich und bleibe stehen. Sie hält sich immer in meinem Lichtkegel auf. Für sie vermutlich ne Art Disco Party. Ich will aber nicht, dass sie ihre Freunde holt und unterbreche das Ganze in dem ich das Licht ausschalte. Party hiermit offiziell beendet! Ich springe schnell vorbei um dann das Licht wieder einzuschalten. Gut, das hat funktioniert. Kurz darauf kreuzen noch 3 Skorpione meinen Weg. Die haben sich aber scheinbar nicht für mich interessiert. Da bin ich aber auch nicht böse drum. Ansonsten habe ich bis auf 2 Coyoten in der kompletten Woche keine Tiere gesehen. Angeblich wurde am Checkpoint 1 dieser Etappe ein Leopard vertrieben. Der Ranger, der das komplette Rennen mit seinem Löwenmobil begleitet hat, hat wohl ein Nashorn in der Nähe der Strecke schlafen gelegt.

149392072320170503_Namibia_Stage4_Small-199

Löwenmobil heißt es deshalb, weil alle Löwen in dem Gebiet mit GPS Sendern versehen sind und er damit immer verfolgen kann wo sich die Raubtiere aufhalten. Bleibt nur zu hoffen, dass sie kein Kätzchen vergessen haben mit diesem Sender zu bestücken. Ansonsten gabs wohl noch ein paar Springböcke.

149392467020170503_Namibia_Stage4_Small-287

Hyänen habe ich nur einmal nachts heulen gehört. Ach ja, und dann sind wir noch an diesen faszinierenden Pflanzen vorbei gelaufen.

149392468420170503_Namibia_Stage4_Small-292

Die „Welwitschies“ nehmen das nicht vorhandene Wasser über die Blätter auf indem sie Feuchtigkeit aus der Luft filtern. Sie sind teilweise mehrere hundert Jahre alt und echte Überlebenskünstler. Ich dagegen bekomme mein Wasser einfach aus der Flasche. Eigentlich sogar auch inklusive Mineralien, Aminosäuren und Zucker. Doch das bekomme ich immernoch nicht runter. Trotzdem kann ich wieder zu den beiden Mitstreitern aufschließen. Außer ein kurzes „Hallo“ kommt mir nichts über die Lippen. Wie selbstverständlich gehen wir gemeinsam weiter. Es sind Alexandra aus Hong Kong und Alain aus Singapour. Er stammt ursprünglich aus der französischen Schweiz.

149392186120170503_Namibia_Stage4_Small-233

Das Gelände hier ist schwergängig. Es geht bergauf und bergab. Tiefer Schotter wechselt sich mit unwegsamen Geröll. Für die Blasen an den Füßen eine Tortur. Aber ich beschwere mich nicht. Alain hat Knie und Achillessehnen Probleme. Er kann nur noch mit Stock gehen. Obwohl wir kaum reden, jedem von uns fehlt die Energie dazu, werden aus Mitstreitern Freunde.

Es ist wie ein unsichtbares Band was uns verbindet.

Wir leiden gemeinsam. Ich schlage vor am nächsten Checkpoint 10 Minuten Pause zu machen. Sie finden diese Idee beide gut. Dort angekommen lege ich mich auf den Boden. Ich nicke kurz ein. Die beiden wollen weiter. Ich schick sie los und sage dass ich gleich nachkomme. Zum Glück kann ich sie wieder einholen. Alexandra kullern während des Laufens immer wieder Tränen runter. Alain ist sichtlich mitgenommen durch seine Verletzungen. Und ich? Keine Ahnung! Mein Schwindelgefühl und meine Übelkeit sind eigentlich weg. Ich habe gegessen und 2 Stunden geschlafen. Aber mittlerweile auch 20 Stunden in den Beinen. Ich glaube ich bin einfach nur fix und fertig. Wir erreichen den letzten Checkpoint. Wieder lege ich mich hin. Werde aber vom dortigen Personal ermahnt. Das sei kein Checkpoint an dem man lange verweilen darf und außerdem seien es sowieso nur noch 8 Kilometer. „NUR“ 8 Kilometer. Im normalen Leben hätte ich diesen Satz verstanden. Jetzt hier nach diesem Wahnsinn aber von „NUR“ 8 Kilometern zu sprechen grenzt in meinen Augen an Realitätsverlust. 8 Kilometer sind für mich in dieser Situation eine halbe Weltreise. Jetzt wo jeder Schritt schmerzt. Aber gut, dann machen wir uns eben los um diese lächerlichen 8 Kilometer auch noch abzureißen. Kurz nach dem Aufbruch geht die Sonne auf.

Es ist ein unglaubliches Panorama.

149392215320170503_Namibia_Stage4_Small-240

Der Himmel färbt sich in alle erdenklichen Farben. Die Umrisse der umliegenden Berge wirken wie eine riesige Fototapete. Jetzt müsste das doch wirklich noch hinauen. Was soll uns denn jetzt noch aufhalten? Die Sonne schiebt sich langsam über die Gipfel und man spürt die warmen Strahlen auf der Haut.

Mit der Sonne kommt die Energie.

149392127720170503_Namibia_Stage4_Small-224

Wir fangen an uns zu unterhalten. Jetzt sogar auch mit Worten und Sätzen. Weil wir wissen wir werden es schaffen. Dann in der Ferne das Zielbanner.

20170503_Namibia_Stage4-279

Alexandra fragt ob wir noch ein letztes mal laufen können. Wir schauen uns an und nicken. Dann nehmen wir uns an die Hand und rennen los.

DSC01126

Was für ein Gefühl!

Keine Schmerzen mehr, nur Glück. Wir reißen die Arme hoch.

DSC01130

Ich bin den beiden unendlich dankbar. Wir nehmen uns in den Arm.

DSC01131

Dann drückt mich Rafael, der mich am Ziel empfangen hat.

DSC01135

Seine Stimme zittert als er mich beglückwünscht und sagt er hätte fast nicht mehr mit mir gerechnet. Martina fängt an zu weinen als sie mich in den Arm nimmt. Später im Radiointerview erzählt sie, das sei ihr schönster Moment gewesen, als ich nach 23,5 Stunden doch noch das Ziel erreicht habe, als schon keiner mehr damit gerechnet hat, dass ich es schaffen werde. Auch die anderen Little Desert Runners gratulieren. Es ist so schön diesen Zusammenhalt zu spüren. Irgendwie beflügelt von dieser Situation aber völlig erschöpft gehe ich Richtung Zelt. Erstmal ne Weile schlafen, denke ich mir. Aber daraus wird nichts, es ist viel zu warm. Jetzt schon. Naja, vielleicht habe ich es geschafft eine Stunde zu schlummern. Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Sowieso habe ich relativ wenig Erinnerung an den Off Day außer dass es mega heiß war. Die tolle Crew von 4 Deserts kommt immer mal am Zelt vorbei und erfrischt uns mit einem Eimer Wasser, den sie über uns gießen. Man braucht wirklich nicht viel um glücklich zu sein. Das wird einem hier immer wieder sehr bewusst. Dörte kümmert sich sehr liebevoll um uns. Sie packt ihre Akupunktur Nadeln aus und verarztet einen nach dem anderen.

Wir freuen uns, dass sie trotz ihres Ausscheidens weiter bei uns ist. Als ich wieder einigermaßen beisammen bin drehe ich noch einige Interviews.

DSC01136

Am Abend führt mein Weg ins Cybertent. Und ich habe wieder tolle Nachrichten bekommen:

Johanna: „Hallo mein Held, wir haben Donnerstag 15:40 und soeben sind die Zeiten von eurem 80km Lauf reingekommen. Ich bin froh, dass du es geschafft hast!!! Anhand der Zeiten mach ich mir etwas Sorgen über deinen Gesundheitszustand. Ich hoffe du hältst dich an dein Versprechen, im Fall der Fälle den Lauf zu beenden. Sollte ich mich täuschen, dann wünsche ich dir ganz viel Kraft morgen für den letzten langen Lauf. Ich bin in Gedanken die ganze Zeit bei dir. Dicker Kuss***“

Michael: „Krass, fast 24 Stunden nur gelaufen! Vermute, das war das Schlimmste, was du lauftechnisch je gemacht hast. Respekt! Jetzt kommt ja nur noch ein 10 km Lauf……okay, der 40’er morgen noch. Den machst du ja mit einer Pobacke…. 😉 Das wären dann mal „fast“ 6 Marathons in einer Woche, da hast du die nächsten 3 Jahre frei! Alles Gute weiterhin!“

Andrea: “ Hallo Steffen! Ich bin in Gedanken so viel bei dir und fiebere mit…Ich hoffe es geht dir gut und du hast keine Schmerzen. Es ist toll, was du bis jetzt geleistet hast und wir sind wahnsinnig stolz auf dich. Ich hoffe aber auch, dass du deine Grenzen rechtzeitig erkennst und aufhörst. Es ist Wahnsinn, dass du bis hierher durchgehalten hast und wenn es nicht mehr geht, musst du nicht enttäuscht sondern sehr sehr stolz auf dich sein. Falls du noch Kraft hast, wünsche ich dir ganz viel Erfolg für die nächste Etappe!!!! Hier warten einige Menschen auf ihren gesunden Papa, Ehemann, Bruder, Sohn und Freund. Ich hab dich wahnsinnig lieb, dein Schwesterherz Andrea

Während der langen Etappe habe ich wirklich oft ans Aufhören gedacht. Dass ich an so tolle Menschen denken konnte hat mir aber geholfen und ich habe meine Grenzen verschoben. Eines meiner Ziele als ich dieses Abenteuer anging. Das macht mich unglaublich stolz. Mit einem tollen Gefühl ziehe ich mich zurück ins Zelt, etwas vor meinen Zeltkollegen um das alles alleine für mich verarbeiten zu können. Was am nächsten Tag passieren würde ist mir in diesem Moment egal.

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: