Sahara Race Namibia 2017 – Teil 8

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Ich kraxel diesen Morgen etwas früher aus meinem Zelt in „Dune Outpost“, da der Startschuss heute eine halbe Stunde früher fällt. Die Organisation will den Läufern nach den 2 extrem heißen Tagen noch ein wenig kühle Morgenluft mit auf den Weg des „Dune Day“ geben. Auch wenn kühl (30 Grad) in diesem Kontext relativ ist, halte ich das für eine gute Idee. Nur heute überhaupt zu laufen halte ich in meinem Fall für keine gute Idee. Ich schaffe es nicht die Skepsis in positive Energie umzuwandeln. Meine Füße brennen dermaßen, dass ich kaum auftreten kann und ich fühle mich extrem ausgelaugt. Wie soll ich so nur über bis zu 100 Meter hohe weiche Sanddünen kommen? Ich setze mich zu meinen Lauffreunden an einen der Tische um zu frühstücken. Vielleicht wendet sich das Blatt, wenn ich was im Magen habe. Soweit die Theorie. Leider wird mir bei dem ersten Löffel Müsli dermaßen schlecht, dass ich nichts weiter runter bekomme. Der süßliche Geruch meines Starter Getränks gibt mir den Rest. Mir kommen noch am Tisch fast die Tränen. Ich habe es soweit geschafft, ich will jetzt nicht aufgeben müssen. Aber wie soll das gehen komplett ohne Essen mit den energieraubenden Etappen der letzten Tage im Rücken. Rafael baut mich auf. Man könne eine 40 Kilometer Etappe ohne Essen schaffen. Das sei möglich. Wenn er das mit seiner Erfahrung sagt, dann wird da was dran sein. Ich versuche meine Kräfte innerlich zu bündeln und mich zu fokussieren. Ich entsorge unnötigen Balast, den ich nicht mehr brauche. Mein Energiepulver, was ich sowieso nicht mehr runter bekomme und die Sonnencreme werden entsorgt.

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Gewicht sparen wo es geht. Auch die Hälfte meines Klopapiers landet im Müll. Mit dem materiellen Balast entsorge ich auch die schlechten Gedanken. Denn das Mentale ist bei einem solchen Rennen vielleicht sogar gleichbedeutend wie die körperliche Verfassung. Ich habe meinen Fettstoffwechsel trainiert. Das soll sich jetzt gefälligst auszahlen. Denn auf Kohlenhydrate kann mein Körper heute wohl nicht zugreifen. Komischerweise humpel ich dann doch gut gelaunt und zuversichtlich an die Startlinie.  Mir bleibt nichts anderes übrig als positiv zu denken. Das scheint mir jetzt auch tatsächlich zu gelingen.

Die letzte lange Etappe kann starten.

Wir laufen über felsiges bergiges Land. Das Camp liegt im Tal. Es bleibt eine Weile im Blick. Mit der morgentlichen Lichtstimmung und den Läufern im Vordergrund, die sich wie eine Perlenkette aufreihen, ergibt das tolle Fotomotive. Ich packe meine kleine Kamera aus und versuche diesen Moment während des Laufens in einer kleinen Filmsequenz festzuhalten. Ein kurzer Smalltalk hier, ein kurzer Smalltalk dort mit anderen Läufern. Ich habe mich eingegroovt, die Schmerzen an den Füßen gehören jetzt wieder zum normalen Körpergefühl. Es ist komisch. Es ist wie wenn der Körper nach einer gewissen Zeit sagt. „Das ist so, das gehört jetzt dazu. Abhaken. Fokus auf andere Dinge!“ Das ist eines der Dinge, die man in der Wüste unweigerlich lernt. Umstände hinzunehmen und damit klar zu kommen ohne sie verändern zu wollen. Alles andere führt zu unnötigem Stress und negativer Energie. Apropo Energie. Ich scheine trotz morgentlicher Übelkeit und null Kalorien welche zu haben. Woher auch immer sie gekommen ist.

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Vielleicht weil ich glücklich bin in dieser wahnsinnig schönen Umgebung laufen zu dürfen. Vielleicht wegen den vielen vielen wunderbaren Menschen um mich, die einfach alle zufrieden sind obwohl sie auf jegliche Art von Luxus verzichten. Was es auch ist es bringt mich dazu mein Tempo auf mein gewohntes Maß zu erhöhen. Ich kann wie am ersten Tag einige Läufer einsammeln. Das Laufen macht mir gerade unheimlichen Spaß. Ich grinse vor mich hin. Wenn mich in Deutschland so jemand durch die Gegend rennen sehen würde, würde ich vermutlich eingewiesen werden. Sam die Renndirektorin überholt mich mit einem Jeep und ruft mir aus dem Fenster zu: „Steffen, great pace!“ Es läuft gut und das scheint nicht nur eine verdrehte Selbstwahrnehmung zu sein, sondern der Realität zu entsprechen. Das beflügelt mich noch mehr. Es geht weiter über hügeliges schwarz rot schimmerndes Land nahe dem grünen ausgetrockneten Uniab Flußbettes. Es ist heiß und es geht verhältnismäßig wenig Wind. Trotzdem kann ich das Tempo hochhalten. Nach knapp 10 Kilometern erreichen wir Checkpoint 1. Hier steht Doerte und Ralf. Sie feuern mich an, füllen meine Flaschen und es geht direkt weiter. So sollte ein Checkpoint Besuch aussehen.

Die Seele und die Flaschen auftanken und mit wenig Zeitverlust direkt wieder auf die Strecke.

Die Landschaft wird jetzt noch schöner. Kleine Sanddünen mit teilweise leicht grünem Bewuchs umschließen links und rechts die Strecke.

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Auf dem Untergrund hier lässt es sich sehr gut laufen. Dann geht es eine mittelgroße Düne hoch. Auf dem Gipfel angekommen muss ich kurz anhalten. Ein atemberaubender Blick über die Schönheit der Namib bringt mich zum staunen.

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Ich hole tief Luft, genieße den Moment und denke an die Worte von Markus bei der ersten Etappe, als er mir den Rat gab immer mal wieder anzuhalten um die Wüste richtig wahrzunehmen. Es ist das Jetzt in dem wir leben. Nicht das Damals und nicht das Nachher. Solche Gedanken und Lebensweisheiten schießen mir durch den Kopf. Weiße und gelbe Sanddünen mit akuraten feinen Linien und Kanten. Sich wiederholende Muster im Detail. Als hätte der Wind sich ein Bild gemalt. So jetzt aber genug gerosamunde pilchert. Ich befinde mich hier ja schließlich in einem Rennen und habe ein bisschen was gut zu machen. Also stürme ich die Düne runter. Vor Freude lasse ich dabei einen Schrei los. Es läuft weiterhin erstaunlich gut. Das Terrain wird jetzt schwieriger. Geröll zwingt einen dazu den Blick stets konzentriert am Boden zu halten um nicht umzuknicken. Ich kann weitere Läufer einsacken. Auch zu Andrea, aus unserem Club, schließe ich auf. Sie freut sich sehr, dass es mir besser geht. Und ich freue mich sehr sie hier zu treffen. Sie hat immer ein Lächeln auf den Lippen und versprüht positive Stimmung. Wir führen ein kurzes Gespräch über die tollen Eindrücke, die wir ein weiteres Mal auch auf dieser Etappe sammeln dürfen.

Doch noch vor Checkpoint 2 trifft es mich plötzlich wie ein Schlag mit dem Hammer.

Mein Gemüht dreht sich um 180 Grad. Die Energie ist weg. Von einem Schritt zum anderen. Als hätte jemand den Stecker gezogen. Das wird vorbei gehen! Ich gehe ein paar Schritte und dann kommt die Energie schon wieder, versuche ich mir einzureden. Immer wieder versuche ich in meinen Laufrythmus zurück zu kommen. Es gelingt mir nicht. Ich bin am Verzweifeln. Noch ca. 23 Kilometer und wenn das jetzt so anfängt wie bei der langen Etappe habe ich ein Problem. Ich will das nicht nochmal durchstehen müssen. Dann lieber aufgeben. Über die Kopfhörer ertönt jetzt auch noch unser Hochzeitslied. Mir kommen ein weiteres mal die Tränen. Diese Emotionalität wenn man körperlich am Ende ist kenne ich so noch nicht. Ich halte an, bin kurz davor mich hinzusetzen. Dann ein Blick auf mein Armband. „Go Papa!“ ruft es mir entgegen.

Blos nicht setzen. Weiter gehen! Ich bringe das hier zu Ende!

Zum Glück ist es nicht mehr allzu weit bis zum nächsten Checkpoint. Dort lege ich mich kurz hin und ein Arzt begutachtet mich. Er notiert sich meine Nummer und lässt mich weitermachen. Ich zwinge mich dazu eine Dattel zu essen und mache mich auf den Weg. Es geht direkt eine riesige Sanddüne hoch. Und mit riesig meine ich nicht riesig sondern riiiiiiiiiiiiiieeeeeeesig.

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Zwei Schritte vor einen zurück. Das Ausmaß wird mir allerdings erst bewusst, als ich den ersten Gipfel erreicht habe. Ein Gefühl von Glück und Trauer zugleich. Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass das geht. Tut es aber. Glück, wegen der unglaublichen Schönheit. Es erschließt sich ein perfektes Bild. Jede Postkarte würde vor Neid erblassen. Und ich habe das Privileg hier laufen zu dürfen. Trauer, weil ich mir nicht vorstellen kann das hier in meinem Zustand bewältigen zu können. Es geht 9 Kilometer auf dem Kamm dieser Monsterdüne entlang.

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Bergauf, bergab durch tiefen weichen Sand. Ich kann Läufer erspähen. Vor mir, weit vor mir und sehr sehr weit vor mir. Von hinten kommen auch welche. Einer nach dem anderen überholt mich. Auch Marina aus Serbien.

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Sie ruft mir noch zu ich solle die Schuhe ausziehen, das würde besser gehen. Ich verschwende nicht mal einen Gedanken daran, weil ich erstens weiß, dass es mit Sicherheit nicht daran liegt, sondern dass ich einfach null Komma null Energie mehr in meinem Körper habe, und zum Zweiten fänden das meine Füße mit Sicherheit auch nicht toll wenn ich die 18 Blasen jetzt auch noch mit Sand befülle. Dann begegne ich mitten auf der Düne einem Arzt. Er nimmt mich zu sich, schaut mir in die Augen und fragt mich ob es mir gut geht. Meine Antwort „I’m OK, but how long do I have to walk on this f***ing dune?“ reicht ihm um mich weiter laufen zu lassen. Er fragt noch ob ich genug Wasser habe und dann teilt er mir noch mit es seien noch 2 Kilometer. Ich schleiche also weiter vor mich hin.

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Bis ich dann nach 2 Kilometern und einem Blick nach vorne, der mir kein Ende offenbart, feststelle, dass er mich wohl mit dieser Aussage motivieren wollte.

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Ich setze mich in den heißen Sand. Es geht ein frischer Wind. So lassen sich die 30 Grad gut aushalten. Ich will einfach wieder zu Kräften kommen aber auch diese Schönheit noch mal genießen. Von meinen Mitstreitern, die allesamt bei mir kurz stehen bleiben, werde ich immer wieder gefragt ob alles OK sei. Ob ich was brauche? Liegen lassen würde einen hier definitiv keiner. Es scheint eine Art oberstes Gebot zu sein seinen Laufkollegen zu helfen.

39 Nationen aus der ganzen Welt kommen hier zusammen und es ist wie eine große Familie. Es  gibt hier keine Art von Rassismus, keine Ausbeute, kein Neid und keine Vorbehalte. Jeder einzelne beweist hier ein hohes Maß an Empathi und wie selbstverständlich unterstützt man sich gegenseitig. Es sollten auf dieser Welt einfach viel mehr Menschen laufen gehen. Am besten unter extremen Bedingungen. Vielleicht wären so viele Probleme gelöst.

Dann kommt Alain. Er hilft mir hoch. Sie ist sofort wieder da. Diese Verbundenheit.

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Gemeinsam meistern wir den Rest dieser unfassbar mächtigen Sanddüne. Ich habe geschlagene 3 Stunden für die letzten 9 Kilometer gebraucht. Am Fuße dann endlich Checkpoint 3.

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Wir wollen uns gar nicht lange aufhalten, sondern die letzten 10 Kilometer einfach hinter uns bringen. Das Land ändert sich komplett. Jetzt gehen wir über weiße Felsbrocken. Am Horizont ist das Meer zu sehen, an dem irgendwo das Camp liegen muss. Auch dieses Szenario hat etwas wunderschönes. Landschaftlich ist diese Etappe mein absoluter Favorit. Alain legt ein ziemlich hohes Gehtempo vor. Ich kann beim Gehen nicht mithalten und entscheide mich zwischen Laufen und Gehen zu wechseln. Das raubt mir aber zu viel Kraft und ich muss Alain ziehen lassen. Es bringt nichts, wenn wir unser Tempo gegenseitig anpassen. 2 weitere Läufer ziehen an mir vorbei. Ich habe noch eine Geheimwaffe fällt mir in dem Moment ein. 2 Gel Chips. Die schiebe ich mir nacheinander in die Backen. Durch sie wird Energie über die Mundschleimhäute aufgenommen. Man muss es also weder trinken noch essen. Der Nachteil, die Wirkung hält nur für kurze Zeit. Da es aber nicht mehr weit ist, erhoffe ich mir den nötigen Schubser für den Rest der Etappe. Und so kommt es auch. Ich kann tatsächlich wieder loslaufen.

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Es geht jetzt am Meer entlang und in der Ferne taucht das Camp auf. Ich überhole die beiden, die mich gerade eingesackt haben. Alain ist in sichtweite. Ich will ihn unbedingt noch vor der Ziellinie einholen. Das gelingt mir auch. Die Freude ist groß. Ich umarme ihn und wir gehen die letzten Meter zusammen. Begleitet von Trommeln werden wir im Ziel empfangen.

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Ich bekomme Gänsehaut und bin überglücklich es geschafft zu haben. Dann falle ich nach 7,5 Stunden und 40,4 km erleichtert auf die Knie.

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