Sahara Race Namibia 2017 – Teil 9

Ich bin also angekommen in Torra Bay. Das ist ein Campingplatz mitten in der Wüste. Hier ist nichts drum herum außer Meer, Sand und ein paar Felsbrocken. Offiziell geöffnet ist hier nur zwischen Dezember und Januar. In dieser Zeit übernachten hier 6.000 begeisterte Fischertouristen. Die Tatsache, dass das aber ein Campingplatz ist, im Gegensatz zu unseren anderen Camps, birgt einiges an Luxus, den man schon gar nicht mehr gewohnt ist. Wir haben fließend Wasser! Wobei… tröpfelnd Wasser trifft es eher. Toiletten und sogar Duschen werden uns geboten. Mein erster Weg führt auch genau dort hin. Ich muss meinen Körper an die Wand pressen um von dem Rinnsal überhaupt naß zu werden. Es ist trotzdem eine Wohltat. Jetzt aber schnell die Klamotten über die Zeltschnur hängen, damit sie noch eine Chance haben zu trocknen. Es kommt ja schon bald die Dämmerung.

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Ausruhen ist heute erst mal nicht drin. Ich habe noch zu arbeiten. Es stehen Interviews an. Erst Antje, dann Rafael und schließlich Ralf (Antjes Lebensgefährte). Er ist sowas von stolz auf seine Heldin. Das Gespräch mit ihm hat mich sehr berührt. Ein tolles Paar! Was Antje hier abgerissen hat ist unglaublich.

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Sie hat trotz ihrer schweren Stoffwechselkrankheit einen Top 10 Platz unter den Frauen erreicht. Sie hat mehr als 50% der gesamten Teilnehmer hinter sich gelassen. Wahnsinn! Ich bewundere ihre Disziplin, ihre mentale Stärke und ihren unglaublichen Willen. Dazu ist sie eine tolle Protagonistin. Sie ist nicht nur sehr telegen und findet immer die richtigen Worte, sie meistert auch diese Doppelbelastung als hätte sie sowas schon hundert mal gemacht. Dann darf ich noch das Schlussbild drehen.

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Es ist der perfekte Ort dafür. Die Sonne versinkt im Meer und färbt den Himmel in ein tiefes Rot. Manchmal kann Kitsch so schön sein.

Doch man darf noch nicht das Gefühl aufkommen lassen es bereits geschafft zu haben. Christoph Harreither, den ich bereits im Jahr zuvor im Iran kennen lernen durfte, ist ein sehr erfahrener Läufer, der bereits etliche Wüstenrennen, aber auch Dschungel, Eis und Bergläufe hinter sich hat. Neben Rafael hole ich mir auch von ihm immer wieder gerne Tips. Demütig sein, ist sein Credo. Nie übermütig werden oder gar sich zu früh freuen. Jeder Schritt kann der letzte sein. Selbst bei den abschließenden 10 Kilometern. Daran will ich mich halten. Und nach einer weiteren anstrengenden besonders schlaflosen Nacht ist es dann soweit.

„The final footsteps through Rocky Fields“ steht an.

Ich schlüpfe in meine noch feuchten Klamotten. Egal, ich schwitze ja eh gleich wieder. Die Stimmung ist ausgelassen. Viele fröhliche Gesichter. Einige tun sich zusammen um die letzten Kilometer gemeinsam zu verbingen. Ich will bewusst meine letzten Schritte in der Namib ganz alleine „genießen“. Für heute habe ich mir einiges vorgenommen. Nach den beiden Schleichetappen vorher, will ich heute nochmal beweisen, dass ich auch schnell laufen kann. Die Platzierung ist mir egal. Es geht mir um mich. Ich schnappe mir meinen MP3 Player lege das erste mal etwas aggresivere Rapmusik auf und raffe meine letzten Reserven zusammen. Völlig fokussiert stehe ich an der Startlinie.

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Landschaftlich eher trist geht es schnurstracks über ein weites Geröllfeld auf dem es sich schwer laufen lässt. Ich drücke trotzdem auf die Tube von Anfang an. Nur wenige Läufer muss ich ziehen lassen. Ich muss kämpfen aber es rollt. Etwas holprig aber es rollt. Gedanken gehen mir zu diesem Zeitpunkt wenige durch den Kopf. Nach etwa 50 Minuten entdecke ich das Ziel. Es geht über eine kleine Sanddüne, dahinter das Zielbanner.

Gänsehaut in der Hitze der Namib.

Ich fliege die Düne runter. Die Arme wie Tragflächen nach außen gestreckt. In dem Moment fällt alles von mir ab. Ich bin glücklich und reiße grinsend die Arme nach oben.

Ich habe es tatsächlich geschafft. 250km durch die älteste Wüste der Welt.

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Ich kann es kaum fassen. Voller Stolz lasse ich mir die Medaille über den Kopf streichen. Dann greife ich schnell zu meiner Kamera.

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Viel lieber würde ich diesen besonderen Moment länger auskosten. Doch ich brauche die Zieleinläufe. Sie sind wichtig für meine Filme die ich produzieren werde. So bin ich hautnah dabei wie sich zahlreiche Menschen in den Armen liegen.

 

Es fließen Tränen des Glücks. Es ist so wunderbar das alles mitzuerleben. Als sich der Trubel etwas legt, lege ich mich auch erst mal mit einer Schale Essen, welches die Einheimischen gekocht haben, in den Sand und sammle Kräfte.

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Ich bin deutlich unter einer Stunde geblieben auf den letzten 10 km und habe so noch einmal eine Etappe in den Top 10 abgeschlossen. Eigentlich ist die Platzierung sowas von unbedeutend aber man macht das ja auch ein bisschen um sich selbst etwas zu beweisen. Wer das leugnet ist meiner Meinung nach nicht ganz ehrlich zu sich selbst.

Dann kommt die Melancholie

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Ich gehe noch einmal auf eine Sanddüne, setze mich und blicke zurück in die Wüste. Hier verharre ich eine Weile und bin etwas traurig, dass das alles vorbei ist. Mir schießt so viel durch den Kopf. Werde ich so etwas noch einmal erleben? Will ich das überhaupt? Ich denke an all die tollen Begegnungen mit den Menschen, mit der Natur und vor allem auch mit mir selbst. Ich habe oft gehört die Wüste würde einen verändern. Vielleicht kommt das noch. Aber ich glaube das nicht wirklich, ich glaube eher die Wüste bringt einen näher zu sich selbst. Sie bringt das wahre Ich noch stärker zum Vorschein. Sie zeigt einem auf was wirklich wichtig ist. Ich bin zu tiefst dankbar diese Erfahrung gemacht zu haben. Es war ein traumhaftes Abenteuer, was mit nichts zu vergleichen ist. Jetzt bin ich sogar  dankbar, dass das mit der langen Etappe so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Für mich waren im Speziellen diese 23,5 Stunden eine wirkliche Grenzerfahrung. Etwas was mein Leben prägen wird, davon bin ich überzeugt. In welcher Weise auch immer.

Wir hatten einen tollen Zusammenhalt hier in Namibia, nicht nur innerhalb des Little Desert Runners Club sondern unter der gesamten Läufergemeinschaft aus der ganzen Welt.

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Die local Crew und das Team von 4 deserts waren toll. Ohne eure Unterstützung und Motivation wäre das alles nicht möglich gewesen. Vielen Dank für die super Organisation und die stets freundliche Art!

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Und dann muss ich natürlich unserem Reiseleiter noch einen besonderen Dank aussprechen.

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Rafael Fuchsgruber, ohne dich hätte ich diese Lebenserfahrung vielleicht nie gemacht. Vor 2 Jahren habe ich dein Buch „Running Wild“ gelesen und war sofort angefixt. Ich wusste irgendwann will ich sowas machen. Wir haben uns getroffen und mittlerweile bist du ein richtig guter Freund geworden. Dass ich so schnell in der Wüste landen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber wie sagt man so schön? Einfach machen! Du hast den Little Desert Runners Club gegründet. Diese unfassbar gute Idee entstannt zusammen mit Phillip Jordan vom fatboysrun Podcast. Und ich bin so froh, dass du das umgesetzt hast und ich das hier gemeinsam mit dir erleben durfte!

Nach einer etwas kaotischen Abreise aus der Wüste inklusive 2,5 Stunden schutzlos im Sandsturm liegen, Reifenpannen und Umwegen fahren, haben wir einen wundervollen festlichen Abend im Hotel & Entertainment Centre in Swakopmund verbracht. Ich falle so gegen Mitternacht ins weiche Bett und freue mich jetzt einfach riesig auf meine Familie. Am nächsten Morgen gönne ich mir am Buffet zum ersten mal in meinem Leben ein Steak zum Frühstück. Dazu 2 Omlettes. Danach gehe ich über zu einem normalen europäischen Frühstück. Es heißt jetzt die verlorenen 3 kg wieder zurück zu holen. Ich denke das geht recht schnell. Kohldampf ist jedenfalls genug da. Jetzt würde ich auch zu dem Schoko Volcano nicht nein sagen. Von mir aus auch eine Tafel Ritter Sport. Das Ankommen in der Zivilisation wird dagegen eine Weile dauern. Bevor wir in den Mietwagen steigen habe ich aber noch ein paar Interviews zu drehen. Zwischendurch entdecke ich zufällig Alain und Alexandra in einem der Shuttle Busse. Ich springe schnell rein um mich zu verabschieden. Vielleicht für immer. Vielleicht sehen wir uns aber auch bei einem solchen Rennen irgendwann wieder. Wer weiß?! Ich jedenfalls bis heute noch nicht. Das hier muss erst mal richtig verarbeitet werden. Dazu werde ich eine Weile brauchen. Nach 4 Stunden Autofahrt, einem weiteren Radiointerview, kurzem Souvenir Shopping in Windhoek und einem ausgiebigen Kentucky Fried Chicken Besuch geht es zum Flughafen. Hier treffen wir einige der anderen Little Desert Runners wieder. Manche davon nüchtern, andere weniger nüchtern. Spaß haben wir alle. Macht Laufen wirklich glücklich? Für uns ist das nur eine rethorische Frage.

Nach 10 Stunden Flug, mal wieder ohne Schlaf, 1,5 Stunden Aufenthalt in Frankfurt und einer Stunde Zugfahrt, fällt mir meine Frau am Bahnhof in Siegburg um den Hals. Wie habe ich das vermisst. Dann holen wir meine Große von der Schule ab. Sie rennt auf mich zu und ich wirbel sie durch die Luft. Das Erste was sie zu mir sagt ist: „Papa, du hast so einen kleinen Kopf bekommen!“ Wir lachen los. Dann ab zum Kindergarten zu meiner Kleinen. Auch sie fällt mir sofort um den Hals. Ein wundervolles Gefühl wieder bei meinen Mädels zu sein. Zu Hause angekommen werde ich von wirklich tollen selbst gebastelten Plakaten empfangen. Ein weiterer Zieleinlauf. Das hat auch nicht jeder. Ich bin gerührt und einfach nur glücklich.

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Folgende Nachrichten konnte ich leider erst zu Hause lesen. Sie waren deswegen trotzdem nicht weniger rührend. Ihr seid so toll! Danke!

Andrea: „Hallo Steffen! Du bist der Hammer!!! Herzlichen Glückwunsch, dass du durchgehalten hast – eine tolle Leistung, auf die du wahnsinnig stolz sein kannst. Deine Teilnahme an dem Rennen hat dazu geführt, dass Johanna und ich uns mehrmals täglich schreiben und gemeinsam mitfiebern. Auch in unserer „Familien-whatsapp-Gruppe“ tauschen wir täglich die neuesten Informationen aus. Papa ist auch sehr erleichtert, dass du die lange Etappe gemeistert hast. Wir sind alle unglaublich stolz auf dich und ich bin schon die ganze Woche emotional sehr bewegt. Heute Abend habe ich die Berichte von Rafael auf seiner facebook Seite gelesen und musste glatt weinen. Ich habe noch nie so viel an dich gedacht wie diese Woche 😉 Ich liebe dich, dein Schwesterherz.“

Paula und Klara: „Hallo Papa, du hast das so toll gemacht. Wir vermissen dich und freuen uns auf dich PAULA rrrrrrrrruuuuuuuuuuuuuukmuöörOsacghhhhhhgjgjflkkml,khbvööxosy9 aa KLARA Wir platzen hier vor Stolz!!!!!!!!!!!!!!! Genieße morgen die letzten 10 km. Dicker Kuss*******“

Ute: „Ja hallo Herr Neupert! da 1xals Kameramann mit dabei im Vorjahr….und dann direkt so einen tollen Lauf abgeliefert Congratulations Spitze gemacht.“

Stefan: „Super du hast es geschafft das kann dir keiner nehmen zu spät die Hesse kumme“

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Fotoquellen:

www.4deserts.com/sahararace Onni Cao

JJ  Jerry

Kirsten Althoff

Steffen Neupert

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