Run 50

„Etappenrennen“

Das Wort meines Läuferjahres 2017. Ich denke das kann ich jetzt schon sagen. Nachdem ich im Mai mein größtes Laufabenteuer in Namibia erleben durfte (250 km in 6 Etappen), begleitete ich Philipp Jordan bei seinem Home2Home Run an 2 Tagen. Dann habe ich mich entschieden den Run 50 zu laufen. Das ist ein kleines Etappenrennen im Siebengebirge.

I – Freitag 14 km (+550 Höhenmeter)

II – Samstag 21,1 km (+350 Höhenmeter)

III – Sonntag 15 km (+150 Höhenmeter)

Nachdem ich fast 12 Wochen verletzungsbedingt pausieren musste habe ich mir neue Ziele gesetzt. Da bot sich der Run 50 an. Eine ordentliche Herausforderung, die mir aber machbar erscheint. Ich will eigenen Ansprüchen gerecht werden und so trainiere ich 2 Monate relativ hart. Nach der langen Pause ein ziemlich zähes Geschäft aber Fortschritte sind spürbar. Intervalleinheiten, mein erster wirklicher Alpinrun auf den Hochfelln und etliche Back to Back Einheiten machen mich langsam aber sicher wieder fit. Ich fühle mich gut vorbereitet und setze mir ein hohes Ziel. Eigentlich nicht meine Art aber ich spreche das diesmal auch laut aus. Ich will unter die ersten 3 meiner Altersklasse. Ich checke also die Ergebnisse der letzten Jahre und stelle fest, sehr ambitioniert aber machbar, wenn es gut läuft.

Etappe I

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In Vettelschoß hole ich meine Startunterlagen. Familiäre Athmosphäre und gut gelaunte Menschen warten auf mich. Wie soll es auch anders sein bei einem Lauf dieser Art. Ich fühle mich direkt wohl und freue mich tierisch auf das Rennen. Gemeinsam gehen die ca. 120 Starter samt Veranstalter zum Bahnhof Kalenborn. Die 1,9 km sind übrigens nicht Teil der 50 km Strecke 😉 Von hier aus fahren wir mit einem alten Schienenbus in das schöne Städtchen Linz am Rhein. Im alten Stadtkern werden wir direkt vor dem Rathaus vom Bürgermeister persönlich um 17:30Uhr auf die Strecke geschickt. Bis wir aus der Stadt sind herrscht Überholverbot. Das Tempo ist aber bereits schon beachtlich. Dann geht es 400m steil bergauf mit einigen Treppenstufen. Ich habe mich vor dem Aufstieg vorne positioniert. Der Plan war die Top Ten erst mal in den Augen zu behalten. Ich gehe als 8ter in den Aufstieg, will dann aber nicht überpacen und gehe ein paar Schritte. Dabei verliere ich Plätze. Das ist aber einkalkuliert. Die Kräfte müssen eingeteilt werden. Ich sollte sagen müssten eingeteilt werden. Das gelingt mir nämlich nicht wirklich. Ich liege jetzt auf dem 15ten Platz und habe einen Puls von über 190. Aber ich bleibe dran. Dann wird es endlich flacher und es kommt sogar ein kurzer Downhill. Hier hole ich schnell auf und sammle wieder einige ein. Ich kann mich wieder auf den 8ten Platz vorarbeiten. Dann spricht mich ein Mitstreiter an: „Noch ein Hennefer. Du läufst doch öfter mit Rafael, oder?“ Wir wechseln ein paar Worte. Stephan ist ein Top Läufer, der letztes Jahr den Gesamtplatz 5 erreicht hat. Ein netter Kerl, dem ich später nicht mehr folgen kann. Er wird am Ende zweiter in der Gesamtwertung. Es macht Spaß vorne mitzulaufen aber es ist auch wahnsinnig anstrengend. Das Tempo ist hoch und mein Puls auch. Immer wenn ich auf meine Uhr schaue springt mir ein 189 entgegen. Ich schaue jetzt seltener drauf. Die Strecke ist wunderschön, es geht über Bäche, schmale Trails und etwas breitere Waldwege hoch und runter. Tolle Ausblicke und viel Natur. Doch ich bin fokussiert. Das ist mein erstes Rennen bei dem ich bis Platz 2 alle im Blick habe und wirklich vorne mitmischen kann. Ich bin ziemlich am Limit und ab und an kommen Gedanken auf, wie sich das auf die beiden anderen Tage auswirken wird. Aber das schiebe ich immer wieder weg. Jetzt zählt es. Und so ziehe ich das durch. Spätestens ab Kilomter 10 scheinen die Plätze vergeben zu sein. Ich liege auf der für mich unfassbaren Position 5. Gegen Ende hole ich langsam auf komme aber nicht mehr ran um wirklich die 4 angreifen zu können. Der 6 platzierte holt ebenso auf mich auf. Im Ziel erfahre ich, dass er einen Durchschnittspuls von 158 hatte. Meiner lag dagegen bei 189. Könnte morgen also schwierig werden, diese Position zu verteidigen. Aber ich bin jetzt heiß und wahnsinnig motiviert. Im Zielbereich beglückwünschen sich alle und wir wechseln noch einige nette Worte. Irgendwie vertraut. Laufen verbindet einfach unwahrscheinlich. Und so freue ich mich schon jetzt auf den morgigen Halbmarathon.

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Bei der Heimfahrt mache ich Halt an der Tankstelle um mir 2 Säcke Eiswürfel zu kaufen. Schnelle Regeneration ist jetzt wichtig, also ab in die Eiswanne. 10 Minuten. Essen, trinken, dehnen, rollen, chillen, schlafen.

Etappe II

Die 2.Etappe ist zugleich der Rheinhöhenlauf. Ein Halbmarathon, den man auch einzeln buchen kann. Deshalb ist hier die Teilnehmerzahl wesentlich höher. Ca.450 Starter stehen also um 13 Uhr an der Startlinie in Vettelschoß.

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Zuvor habe ich die Zeiten und Positionen gecheckt. Hätte ich nicht wirklich gedacht, dass ich sowas mal machen würde. Jetzt geht es tatsächlich um das taktieren. Das macht Spaß! Der 6 platzierte ist nur 6 Sekunden hinter mir und ist es gestern langsam angegangen. Platz 4 ist 30 Sekunden vor mir. Auch Platz 3 und 2 sind nur gut 1 Minute weg. Also alles recht eng zusammen. Ich freue mich auf die 21 Kilometer.

Aber erst noch einmal kurz ausruhen.

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Im Startbereich spricht mich Stefan (Platz 6) an und fragt was ich für eine Zeit plane. Ich habe ehrlich gesagt keine wirkliche Vorstellung, weil ich nicht weiß wie mich die Belastung des Vortages einschrenkt. Vielleicht um die 1:40. Er strebt irgendwas zwischen 1:30 und 1:35 an. Für mich eher unrealistisch. Aber mal sehen, vielleicht geht ja was. Der Startschuss. Ich renne los, viel zu schnell. Will aber an dem Pulk vorbei, bevor es in die Natur geht. Das Jahr zuvor bin ich den Rheinhöhenlauf schon einmal gelaufen und weiß noch, dass es sich dann erst mal schlecht überholen lässt. Ich sehe vor mir Stephan, den Hennefer 2 platzierten. Ich bleibe erst mal an ihm dran. Nehme mir auch vor bis Kilometer 10 in seiner Schlagdistanz zu bleiben. Dann überholt mich schon recht früh, ca. Kilometer 4 Stefan (bisher Platz 6 der Gesamtwertung). Nebenbei, recht leichtfüßig. Das gibt mir den ersten Dämpfer. Ca. 2 Kilometer später überholt mich dann auch noch Micha (bisher Platz 4 der Gesamtwertung) mit einem „Hi!“. Ich lasse mir nichts anmerken, aber das zieht mich schon etwas runter. Habe ja insgeheim gehofft meine Position 5 zu verteidigen oder sogar die 4 noch anzugreifen. Jetzt erst mal ein Energie-Gel. Ich bleibe an Micha dran. Jedenfalls größtenteils. Muss ab und an die Lücke größer werden lassen. Den Hennefer Stephan habe ich jetzt nicht mehr in Sichtweite. Sein Tempo kann ich definitiv nicht mitgehen. Kilometer 12 – 17 sind reiner Kampf. Ich habe wieder einen Durchschnittspuls von über 180. Werde von 2 – 3 Läufern überholt. Nicht allen steckt der Vortag in den Knochen. Dieser Gedanke muntert mich wieder auf. Für die Strapazen des Freitagslaufs zuvor läuft es echt erstaunlich gut. Ich bin momentan schließlich auf Position 6 der Run50 Wertung. Also Kopf hoch! Auf Micha ist die Lücke mittlerweile auf ca 50 Meter angewachsen. Klingt nicht viel. Ist es aber, wenn man so nah am Limit läuft und wieder ran will. Ich kämpfe mich dann doch ganz langsam wieder ran. Er befindet sich im Zweikampf mit einem anderen Läufer. Jetzt laufen wir die letzten 2 Kilometer in einer Dreiergruppe. Ich moderiere das Rennen in meinem Kopf mit und lege mir die Taktik im Kopf zurecht. Nur doof, dass die Beine kein Taktieren zulassen. Ich laufe einfach am Limit weiter um dran zu bleiben. Dann Asphalt, das heißt die Ziellinie ist nur noch weniger hundert Meter entfernt. Wir laufen Ferse an Ferse. Als würde es um den Sieg gehen. Die letzte Kurve, alle nebeneinander. Dann. Micha setzt zum Zielspurt an. Ich reagiere und hau die letzten Reserven raus. Doch er ist auf und davon. Wo holt er das noch her? Ich kann den dritten Läufer abhängen und komme als 32ter des Rheinhöhenlaufs und als 6ter der Run50 Wertung ins Ziel. Weitere 10 Sekunden auf Micha verloren. Er liegt jetzt in der Gesamtwertung 40 Sekunden vor mir. Stefan hat mich in der Wertung locker überholt. Er ist auch an Micha vorbei gezogen. Platz 1 scheint bereits vor der letzten Etappe an Andreas Mertesacker vergeben. Platz 2 – 4 sind ganz eng zusammen. Da liegen nur 40 Sekunden dazwischen. Ich bin auf Platz 6. 40 Sekunden hinter Platz 5. Da könnte doch noch was gehen. Auch wenn Micha scheinbar noch mehr Kräfte mobilisieren kann. Ich habe eine gute Regenerationsstrategie. Erneut: Eiswanne!

Etappe III

Ich habe meine Geheimwaffe dabei. Meine 2 wundervollen Mädels und die beste Ehefrau der Welt. Sie unterstützen mich heute. Ich freue mich sehr darüber. In Kalenborn am Bahnhof gehts heute los. In Linz am Marktplatz ist das Ziel. An beiden Orten werden sie mich anfeuern. Wenn das mal nicht zusätzliche Energie freisetzt. Doch reicht das um meine erste Top 3 Platzierung in meiner Altersklasse nach Hause zu holen? Ich habe nicht besonders gut geschlafen. In meinem Kopf schwierten verschiedene Szenarien des Rennverlaufs herum.

Nach dem Höhenprofil geht es größtenteils bergab. Doch das sei ein Trugschluss versichern mir andere Teilnehmer, die dieses Rennen schon öfter gelaufen sind. Und sie sollten Recht behalten. Ein paar ordentliche Steigungen holen das Letzte aus mir raus. Es wird wieder ein Rennen am Limit. Ich sag nur 181er Durchschnittspuls. Dieser Lauf geht wie auch die anderen beiden durch wunderschöne Wälder. Natur pur auf tollen Wegen und Trampelpfaden. Diesmal habe ich mir vorgenommen an Micha dran zu bleiben. Immer in Schlagdistanz. Ab Kilometer 10 würde ich dann angreifen wollen und versuchen die 40 Sekunden rauszulaufen. Der Anfang des Plans funktioniert. Ich bleibe an ihm dran. Jedenfalls ein paar Kilometer. Dann muss ich langsam abreißen lassen. Er scheint stärker zu sein. Ich kämpfe weiter, hole wirklich alles aus mir raus. Er bleibt in Sichtkontakt, doch die Lücke wird stets langsam größer. Das Rennen ist größtenteils recht einsam. Vor mir eine große Lücke und hinter mir auch, soweit ich das überblicken kann. Ab Kilometer 10 geht es fast nur noch bergab. Dann auf einmal kommt hinter mir ein Läufer ziemlich nah. Das spornt mich noch mal an, auch wenn es jetzt um keine Gesamtplatzierung mehr geht. Ich werde wohl 6ter insgesamt. Heute befinde ich mich auf Platz 7. Und so laufe ich auch über die Ziellinie. Überglücklich nehme ich meine Mädels in den Arm. Was für ein tolles Etappenrennen. 3 Tage, 3 mal Durchschnittspuls über 180 und alle meine Ziele mehr als erreicht. 6ter Gesamt, 3ter meiner Altersklasse und die 50km mit über 1000 Höhenmeter in 3:52 absolviert.

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Und viel wichtiger, tolle Bekanntschaften geschlossen. Bleibt noch den wirklich engagierten Helfern und Organisatoren ein dickes DANKESCHÖN auszusprechen! Ihr seid super!!!

Ich kann diesen Lauf nur wärmstens weiter empfehlen.

Fakten dazu: 3 wunderbare Läufe für 55 Euro inkl. Laufshirt, Medaillie, Schienenbusfahrten, Verpflegung und eine wahnsinnig schöne familiäre Atmosphäre mit sympathischen Veranstaltern. http://www.rheinhoehenlauf.de/ausschreibung/run50/index.html

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2 thoughts on “Run 50
  1. Hi Steffen, schöner Artikel, dem ich nur zustimmen kann… Hätte ich gewusst, dass ich dich am Samstag mit meinem Gruß demotiviere, wäre ich heimlich an dir vorbei geschlichen. 🙂
    Den Tipp mit der Eiswanne werde ich mir merken.
    LG
    Stefan

    1. Hi Stefan! Sorry! Hab erst jetzt dein Kommentar entdeckt. Du hast mich nicht demotiviert. War mir eigentlich fast klar, dass ich dich nicht schlagen kann, nachdem du so gechillt am Freitag im Ziel ankamst. Den Dämpfer gab mir eher Micha. Das war der Kandidat, den es für mich zu schlagen galt. Hat leider nicht geklappt. Er war dann doch insgesamt zu stark für mich. Aber ich werde nächstes Jahr vermutlich wieder kommen. War ne Top Veranstaltung. Hat richtig Bock gemacht. Die Eiswanne is Spitze. Aber nicht weiter verraten 😉
      Bist du auch wieder dabei?
      LG,
      Steffen

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