Röntgenlauf

Die Sachen sind gepackt für mein nächstes Laufabenteuer.

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Der Röntgenlauf in und um Remscheid.

Stürmische Vorhersagen am 29.10.2017.

Sogar mit amtlicher Warnung!

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Komischer oder vielleicht auch verständlicher Weise macht mir das weniger Sorge als die Distanz von

63,3 km (+-1030 Höhenmeter).

Schließlich ist das meine bisher zweitlängste Distanz, die ich am Stück laufen möchte. Außerdem ist der Röntgenweg ein Rundkurs und somit habe ich ja auf der Hälfte der Strecke mehr oder weniger Rückenwind. Soweit zur Theorie. Aber jetzt erst mal nach einer erstaunlich erholsamen Nacht und ausgiebigem Frühstück raus auf die dunkle und leere Autobahn.

Es ist 6:10Uhr. Die Aufregung steigt!

Die Fahrt läuft reibungslos. Etwa die gleiche Streckenlänge wie beim Röntgenlauf in weniger als einer Stunde bezwungen. Na, wenn das mal kein gutes Vorzeichen ist. Ich bekomme sogar einen Parkplatz unmittelbar an der Sporthalle, in der ich von freundlichen Helfern meine Startnummer bekomme. Umkleiden sind auch reichlich vorhanden. Insgesamt macht die Organisation einen top Eindruck. Ich freue mich in jetzt ungefähr einer Stunde über die Startlinie zu laufen. Gleichzeitig mischt sich unter die Vorfreude aber auch eine gehörige Portion Respekt. Ich treffe Mara und Lara. Mit den sympathischen longrunsisters habe ich bereits einige Trainingskilometer geteilt. Es ist ihr erster Ultramarathon und auch ich kann mich noch als Ultra Newbie bezeichnen. Ist ja schließlich mein erstes Jahr in dem ich mich unter die „Verrückten“ gemischt habe. Also Aufregung ist sowohl bei den Mädels als auch bei mir noch erlaubt. Dann treffe ich noch einen Arbeitskollegen, der sich für den Halbmarathon entschieden hat. Die Stimmung ist… naja ich würde sie mal als „angespannt gut“ bezeichnen.

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Im Startblock halte ich dann wieder Ausschau nach den Mädels. Schließlich wollte ich mit ihnen zusammen starten und dann auch eventuell die ersten Kilometer gemeinsam mit ihnen laufen. Ich finde sie recht weit hinten. Wir beschließen uns etwas weiter vorne einzureihen. Soll ja recht eng werden, wenn es nach der Stadtrunde auf den Trail geht. Wahnsinn wie viele Starter hier sind. Etwa 3,5 Tausend Sportler haben Freude daran sich durch Sauwetter und Matsch berghoch und bergab zu quälen. Doch pünklich zum Start kommt die Sonne raus. Sie will sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Recht hat sie. Ein bunter Haufen rennt um 8:30Uhr durchs schöne Remscheid. Dann gehts in den Wald. Ich habe die longrunsisters schon jetzt hinter mir gelassen. Irgendwie fühle ich mich besser, wenn ich mich komplett auf mein Tempo konzentriere. Leichte Zweifel. Ich werde doch nicht zu schnell angehen? Meine Uhr sagt, alles im grünen Bereich. Ich fühle mich gut, also weiter so. Ich schaue mich immer wieder um und versuche zu erkennen, wer wohl in meiner Umgebung noch den Ultra läuft und wer auf der Marathon- oder der Halbmarathon Distanz unterwegs ist. Kleine Hinweise könnten die Laufrucksäcke geben, von denen ich auch einen trage für Verpflegung und Jacke. Es bleiben Vermutungen. Orientierung ist deshalb schwierig. Bleibt nur die Konzentration auf mich selbst.

Es geht hoch und runter. Ich versuche bei den uphills kräftesparend zu laufen. Ich lege dort auch hin und wieder kleine Gehpausen ein. Im downhill lass ich’s rollen. Ich bin dort wesentlich schneller als meine Konkurrenten. Die Strecke ist bis zum Halbmarathon Ziel ziemlich voll. Dann lockert sich das Feld etwas.

Jetzt macht es erst so richtig Spaß.

Doch dann ein ziemlich steiler downhill mit Matsch und Laub. Die Läufer vor mir sind ziemlich langsam und vorsichtig. Das ist meine Chance um wieder etwas Boden gut zu machen. Übermütig überhole ich sie. Doch schon als ich am Ersten vorbei ziehe merke ich, das war keine gute Idee. Ich werde immer schneller und schneller. Ich traue mich erst nicht zu bremsen wegen der Gefahr auszurutschen. Als ich dann schließlich noch einen Streckenposten auf dem Fahrrad überhole und gefühlt 20km drauf habe muss ich notgezwungen bremsen weil die Beine nicht mehr hinter her kommen. Und es passiert was passieren musste. Ich liege auf der Nase. Bauchplatscher! Abgefangen mit Ellebogen und Knie. Beides offen und blutig.

Adrenalin durchströmt den Körper.

Der Streckenposten erkundigt sich ob alles in Ordnung sei. Klar! Blut gehört zu einem richtigen Traillauf, ist meine Antwort. Nach außen total cool. Aber innerlich etwas aufgewühlt. Knie und Ellebogen pochen. Glücklicherweise habe ich aber keine schlimmen Schmerzen. Immer wieder kontrolliere ich ob die Gelenke anschwellen. Das tuen sie nicht. Puh! Es kann weiter gehen. Es liegen ja auch „nur noch“ 40 Kilometer vor mir.

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Etwa 5 Kilometer später bekomme ich Krämpfe im hinteren Oberschenkelmuskel des ledierten Beins. Ich halte kurz an, zwinge mich aber langsam weiter zu laufen. Der Krampf löst sich. Ich schmeiße mir verzweifelt eine Salztablette ein. Doch ich befürchte der Krampf war eine Folge der etwas anderen Belastung durch Schutzhaltung des Beins. Nach und nach komme ich aber wieder besser in Tritt. Die nächsten 15 Kilometer läuft es mehr oder weniger wieder nach Plan. Wenn ich jetzt auch etwas vorsichtiger unterwegs bin als ich vielleicht müsste. Es geht teilweise recht steile Berge hoch und wieder runter. Ich fühle mich noch einigermaßen fit. Etwas langsamer als ich mir erhofft habe aber ich will Energie für den letzten Teil sparen. Dann kommt der befürchtete Zieleinlauf für die Marathonis. Es ist eine Art kleines Stadion. Hier ist mächtig was los und die Finisher werden bejubelt. Wir Ultra-Läufer müssen aber durch ein kleines Tor im Zaun wieder raus und auf den letzten Halbmarathon. Vorher am Verpflegungspunkt die Flaschen auffüllen, Energiepulver rein und dann geht’s weiter.

Ich rede mir Mut zu. Das schaffst du jetzt auch noch!

Doch die Kräfte lassen nach. Jetzt macht es sich bemerkbar, dass ich zu wenig lange Läufe im Training absolviert habe. Es waren nur 3 über 30 Kilometer in der direkten Vorbereitung für diesen Wettkampf. Immer wieder muss ich jetzt Gehpausen einlegen. Ein Läufer nach dem anderen sammelt mich ein. Das frustriert. Die Beine sind dermaßen schwer, dass ich mir nicht sicher bin das Ziel überhaupt zu erreichen. Paradox ist es, dass ich mich nach Anstiegen sehne, da ich so Gehpausen vor mir selbst rechtfertigen kann. Auf ebener Strecke belastet mich das psychisch sehr.

Ich habe jetzt nur noch den Anspruch das Ziel zu erreichen.

Die Zeit ist mir mittlerweile völlig egal. Am Start hatte ich insgeheim noch mit 6 Stunden geliebäugelt. Auch wenn ich wusste, dass diese Vorstellung sehr ambitioniert war. Doch manchmal ist es gut sich hohe Ziele zu stecken. Immer wieder schaue ich jetzt auf meine GPS Uhr um zu checken wie weit es noch ist. Wieder nur 300 Meter geschafft. Wie kann das sein? Ich habe immer noch 8 Kilometer vor mir. Eine halbe Weltreise in meinem Zustand. Ich behaupte man kann mich unter normalen Umständen zu jeder Nachtzeit wecken und ich laufe unmittelbar 8 Kilometer unter 50 Minuten. Jetzt brauche ich dafür fast 1,5 Stunden. Doch es fühlt sich noch viel länger an. Ich weiß nicht wie oft ich mir gedacht habe: „Warum machst du das?“ Und das schlimme ist, ich finde während des Laufs und auch Tage danach noch keine Antwort darauf. Das einzige was mir die Kraft gibt das hier durchzustehen sind die Gedanken an Namibia. Speziell an die lange Distanz. Als ich 23 Stunden durch den Tag und die Nacht marschiert bin. Ich kann viel mehr schaffen als ich in dem Moment denke. Das weiß ich und das treibt mich weiter voran. Und so erreiche ich nach 7:01 Stunden die Ziellinie.

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Hier ist wirklich eine tolle Atmosphäre aber mir fällt es schwer mich wirklich zu freuen. Ich spüre eine komische Art der Melancholie in mir.

Ich mache die Augen zu und mir schießen Fragen durch den Kopf:

„Ist es das was du willst? Ist dieses Ultra Laufen wirklich das was du willst? Liegt mir das? Wird deine vermeintliche Leidenschaft hier gerade zerstört?“ Es ist eine gewisse Leere in mir und doch bin ich glücklich es geschafft zu haben. Dann erkundigt sich der Streckenposten nach mir, ob es mir gut geht. Es ist der Mann auf dem Fahrrad vor dem ich mich auf den Boden geschmissen habe. Ich lächel. Ja, es kommt tatsächlich ein grinsen über mein Gesicht. Was ist da wieder passiert heute? Auch wenn ich völlig am Ende bin, meine Beine schmerzen, Zweifel durch meinen Kopf schießen… Dieser Tag hat etwas besonderes. Und zwar etwas positiv besonderes. Was genau es ist weiß ich nicht. Es ist einfach ein Gefühl das irgend etwas mit Freiheit, mit dem Leben im hier und jetzt zu tun hat. Von „Laufen macht glücklich“ will ich an dieser Stelle erst mal nicht sprechen. Das ginge nach dieser Tortur eindeutig zu weit. Auf jeden Fall war das wieder eine Erfahrung die ich nicht vergessen werde. Und davon gibt es im Leben nicht allzu viele. Erinnerungen bereichern unser Leben!

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One thought on “Röntgenlauf

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