Bonn Marathon 2018

Nach einem Marathon eine Medaille umgehängt zu bekommen kann ein echt bewegendes Gefühl sein. In diesem Fall hatte ich zwei von diesen Momenten. Emotional in zwei gegensätzliche Richtungen. Der Moment, der hier festgehalten wurde war definitiv der schönere. Eine besondere Auszeichnung, die durch keinen Lauferfolg ersetzt werden kann.

15.4.2018, 8:45 Uhr.

Ich mache mich auf den Weg den dritten Teil meiner Mission 2018 zu erfüllen. Bestzeitverbesserungen in den Distanzen 10 km (Sub 40), Halbmarathon (Sub 1:30) und Marathon (Sub 3:15). Die beiden ersten Ziele hatte ich bereits erreicht. Beide denkbar knapp aber geschafft ist geschafft. Ich sitze also im Auto und freue mich auf einen wunderbaren Tag bei bestem Laufwetter. Die Tage war ich etwas skeptisch ob ich dieses Ziel erreichen kann, da ich bei den langen Trainingseinheiten echt an Grenzen gestoßen bin. Aber das ist ja oft so, dass man im Wettkampf noch mal eine Schippe drauf legen kann. Der Plan steht. Bis Kilometer 30 halte ich mich strikt an die Pace 4:30 min/km. Dann mal sehen was noch so geht.

Startschuss.

Ich stehe recht weit vorne. Es ist ungewöhnlich viel Platz auf der Strecke. Bin ich gar nicht gewohnt von Stadtmarathons. Das liegt wohl daran, dass die Halbmarathonis 2 Stunden vorher starten und von den 13.729 Teilnehmern wahrscheinlich 70 Prozent den Halbmarathon laufen und ein weiterer großer Teil die Staffel. Den Marathon gehen nur ca. 900 Starter an.

Nachdem ich mich ab Kilometer 3 eingerollt habe läuft es.

Ich kann den Plan vorerst perfekt umsetzen. Ich befinde mich in einer kleinen Gruppe. Wir scheinen alle das gleiche Ziel zu haben. Einer davon kürzt in jeder Kurve ab (über den Gehsteig). Naja, wenn er’s braucht. Ich kann sowas nicht verstehen. Hat ja auch ein bisschen was mit Selbstachtung zu tun. Dann muss ich, wie bei jedem Marathon pinkeln. Wir sind bei Kilometer 25. Ich will wieder zurück auf die Strecke und springe dabei über einen kleinen Busch.

Kurzer Krampf. Mist. Macht nix. Weiter.

Nix schlimmes, läuft sich zum Glück wieder raus. Ich komme der verlorenen Gruppe ganz langsam wieder näher.

Doch dann bei Kilometer 29 passiert es.

Heftige Wadenkrämpfe. Ich muss stehen bleiben. War es das mit meinem Ziel 3:15? Ich bin mir ziemlich sicher, dass es das war. Ich verharre einige Augenblicke und denke nach. Was machst du jetzt? Knapp 13 Kilometer mit Krämpfen erscheinen mir aussichtslos. Die 3:15 habe ich bereits abgehakt. Aber würde es wenigstens für eine Personal Bestzeit (unter 3:29) reichen. Auch das ist mit Krämpfen definitiv nicht machbar. Ich bin mir nicht sicher ob ich so überhaupt das Ziel erreichen könne. Ich entschließe mich aufzugeben und frage einen Streckenposten wie ich auf dem kürzesten Weg zum Startbereich komme, wo ich meinen Beutel noch abholen muss. Aber irgendwie bin ich gar nicht richtig bei der Sache und verstehe die Beschreibung nicht. Die grobe Richtung ist jedenfalls entgegengesetzt der Laufrichtung. Also nehme ich meine Startnummer ab und gehe ca 200 Meter dem Strom entgegen. Dann frage ich auf einem Parkplatz nochmal eine Frau nach dem Weg. Sie findet es so schade, dass ich aufgeben muss und bietet mir Magnesium an. Doch zu dem Zeitpunkt steht mein Entschluss, auch weil ich mich vor dem Home 2 Home Lauf nicht unnötiger Weise verletzen will. Ich gehe noch einige Meter Richtung Startberreich. Der 3:30er Pace Läufer ist immer noch nicht vorbei. Irgendwie schießt mir auf einmal durch den Kopf, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen kann.

Es sind nur Krämpfe. Weichei! Wenigstens finishen, wenigstens die Medaille holen.

Ich schnalle die Nummer wieder an und trabe langsam los. Dann etwas schneller. Vielleicht geht es ja jetzt wieder. Habe kurz sogar die Hoffnung doch noch eine PB (unter 3:29) zu erreichen. Doch dann schlägt er wieder zu, der böse Krampf. Diesmal im Oberschenkel. Der ist richtig fies! Ein Mann will mir helfen, doch seine Frau meint, da müsse ich alleine durch, da kann man eh nix machen. Recht hat sie. Die Schmerzen lassen erst nach einer gefühlten Ewigkeit nach. Wahrscheinlich 10 Seeeeeeeeeeeeeeeeeeekunden oder so. Ich gehe weiter. Schon bald kommt diese Bar, die jedes Jahr den Läufern Würstchen und Bier anbieten. Heute kann ich da ja mal zuschlagen. Kann ja eh nur noch langsam traben und gehen. Mein nächstes kleines Ziel ist also diese Bar zu erreichen.

Dann erst überholt mich der 3:30 Pace Läufer.

Wahnsinn! War ich so viel schneller als bei meiner bisherigen Marathon Bestzeit? Ich kann es kaum fassen. Um so mehr ärgere ich mich, dass ich es nicht über die gesamte Strecke umsetzen konnte. Dann das Bier. Ich genieße es. Langsam macht es irgendwie Spaß so einen Marathon komplett ohne Druck zu laufen. Man nimmt das alles komplett anders war. Meine Blicke schweifen von rechts nach links, hier und da ein kleiner Zuruf. Hat auch was. Aber irgendwie ist es auch beschämend, wenn man weiß, dass man es eigentlich viel besser machen kann. So ziehen sich die Kilometer wie Kaugummi. Teilweise komme ich kaum vorwärts. Ich sehe immer mehr Leute, denen es ähnlich geht, die auch Probleme haben. Doch irgendwann ist es soweit.

Noch ein Kilometer.

Mir wird von anderen Läufern zugurufen: „Du schaffst das! Nur noch 1 Kilometer!“ Danke. Aber das kann ich in dieser Situation echt nicht gebrauchen. Ich bin enttäuscht. Sehr enttäuscht. Doch den Zielleinlauf genieße ich auf eine komische Art irgendwie doch. Da ist richtig was los in Bonn. Man läuft durch eine enge Gasse und hunderte jubeln einem zu. Wirklich toll! Der Moderator feiert mich: „Da kommt einer ganz locker, was macht er einen Tanz oder Purzelbaum?!“ Ich denke da sollte ich drauf eingehen, vor allem weil mir die Zeit jetzt eh völlig am A…. vorbei geht. Keine Ahnung was mich da geritten hat. Ich laufe erst ein Stück rückwärts, da mir das aber ziemlich in die Waden zieht entschließe ich mich für den Purzelbaum. Doofe Idee, merke ich als mein Rücken auf den Bier getränkten Teppich schlägt. Doch das ist nicht der Grund, vielmehr ist es die Tatsache, dass mir währenddessen dermaßen Krämpfe in die Waden schießen, dass ich mich auf dem Boden winde, was einem epileptischen Anfall nahe kommt. Der Moderator ruft noch: „Für eine Breakdance Einlage wird es wohl nicht mehr reichen!“ Wenn der wüsste, dass ich in meiner Jugend mal einen Breakdance Contest gewonnen habe. Ich kann kaum aufstehen, das muss sowas von dämlich aussehen. Ein Helfer kommt und will mich aufrichten. Ich schicke ihn freundlich weg, die 1 Meter vor mir liegende Ziellinie erreiche ich jetzt auch noch selber. Die Menge tobt. Mir ist das so unglaublich peinlich. Jetzt geht mein Blick kurz hoch zur Uhr. 3.59 irgendwas. OK, den Meter schaffe ich noch vor den 4 Stunden. Es ist immer wichtig Ziele zu haben. Ob ich mir allerdings nochmal eine Marathon Zielzeit setze weiß ich noch nicht. Eigentlich wollte ich mein Augenmerk nach diesem Lauf mehr auf den Trail legen. Mal sehen was passiert.

Ausreden habe ich mir keine Parat gelegt, denn die gibt es nicht.

Das sollte jeder Läufer wissen. Es liegt nur an einem selbst. Klar habe ich im Vorfeld Fehler gemacht. Aber im Endeffekt ist es so, dass ich einfach nicht fit genug war um mein Ziel zu erreichen. Wie sagte Stepanocic noch? „Lebbe geht weida!“

Die Zielverpfelgung ist in Bonn übrigens immer der Hammer. Von Würstchen über Frikadellen, Kuchen, Laugenstangen, belegte Brote, Spaghetti, Quarkbällchen, Mars, Snickers, Twix und Co, Bananen, Äpfel, Wassermelone, etc…. Cola, Bier, Wasser, Apfelschorle, Tee. Also alles was man so braucht. Naja, eine Sitzgelegenheit wäre noch schön. Und da das mit dem Laufen heute eh nicht so mein Fall war, verlaufe ich mich auch noch auf dem Weg zu meinem Auto. Ist ja nicht so, dass mir das nichts ausmacht nach dieser Tortur. Grrrrr…!!! Ach und zu allem Überfluss geht auch noch der Kassenautomat des Parkhauses kaputt. Natürlich nachdem ich mein Geld eingeworfen habe. Wenns läuft dann läufts…

Aber zu Hause ist dann alles vergessen. Da war ja noch dieser rührende Moment, der alles in den Schatten stellt. Als ich die Augen schließe und mir meine Mädels die selbst gebastelten Medaillen umhängen.

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