Home 2 Home – Etappe 1

No·ma̱·de, No·ma̱·din
Substantiv [der]
1. 1. 
jmd., der mit seinem Volk und seinen Viehherden von Weide zu Weide zieht, um dort Futter für die Tiere zu finden.“In manchen Teilen Afrikas gibt es noch zahlreiche Nomaden.“
2. 2. 
umgangssprachlich
 jmd., der viel umherzieht und reist.

So steht es im Wörterbuch. Ich bin davon überzeugt, dass der Mensch in seinen Grundzügen ein Nomade ist. Auch wenn wir es heute nicht mehr praktizieren, kommt in uns doch immer wieder der Wunsch auf aufzubrechen.
Habe ich mir den Einstieg gerade ausgedacht oder schon mal irgendwo gelesen? Kommt mir jedenfalls bekannt vor. Falls ja, hat sich das wohl in mir festgesetzt. Dann sollte das der Autor als Kompliment auffassen.

Ich wurde oft vor, während und nach meinem Vorhaben gefragt warum ich das mache. Wem ich denn was beweisen müsse. Aber darum geht es nicht. Ich habe einfach den Drang es auszuprobieren. Die Neugier spielt dabei eine große Rolle. Wie ist es 3 Tage auf sich alleine gestellt zu sein und dabei an seine körperlichen Grenzen zu kommen. Ich habe es auch als Weg gesehen, der mich meiner Wurzeln bewusster macht. Bleibt einem doch viel Zeit die Gedanken schweifen zu lassen. Wellness für die Seele. Pure Freiheit mit allem was ich brauche in meinem Rucksack. Rasten wo und wann es mir gefällt. Die Landschaft und die Umgebung zwischen meiner jetzigen und meiner alten Heimat bewusst wahrnehmen. Das geht nicht besser als sich das zu erlaufen. Und es ist verdammt schön dieses Deutschland. Die Frage ist also eher, warum sollte ich es nicht tun? Wegen der schmerzenden Beine, wegen der Blasen an den Füßen, dem Regen, dem harten Zeltboden? Nein, das sind alles keine würdigen Gründe sich nicht auf ein solches Abenteuer einzulassen. „Man entwickelt sich nur weiter, wenn man hin und wieder seine Komfortzone verlässt.“ Habe ich letztens jemanden sagen hören. Das habe ich getan und jetzt sitze ich hier wie ein alter Mann an der Straße vor meinem Haus und denke an das zurück was ich erleben durfte. Ich bin mir sicher, dass ich meinen Home2Home Lauf auch nicht vergessen haben werde, wenn ich wirklich alt und grau in meinem Schaukelstuhl sitze und an mein Leben zurück denke. Ja, ich hätte dann tatsächlich gerne einen Schaukelstuhl. Vielleicht weil ich die Bewegung liebe 😉 Es sind jedenfalls diese besonderen Erlebnisse an die wir uns immer und immer wieder erinnern und die uns Kraft im Alltag geben. Das steht ohne Frage fest.

Nachdem ich diesen Etappen-Lauf von Hennef nach Alzenau bereits 2 Mal verschieben musste war es also am 11.Mai 2018 soweit. Es ist ein Jahr geprägt von Schicksalsschlägen in der Familie. Meiner Mam geht es nicht gut. Ihre Krankheit hat sich dramatisch verschlechtert. Mein Papa opfert sich auf und ist dadurch auch sehr mitgenommen und in der Familie meiner Frau gibt es in kürzester Zeit zwei Todesfälle. Zudem kämpft meine Frau mit einem heftigen Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule. Wir müssen viel Durchmachen und das kostet Kraft. Doch wir halten zusammen. Meine Schwestern und ich rücken näher zusammen. Auch habe ich mich meinen Eltern nie näher gefühlt. Ein Grund mehr den Home2Home Lauf endlich durchzuziehen. Ich widme ihn, ohne das groß zu kommunizieren meinen Eltern. Sie haben unglaublich viel für uns getan. Sind immer für uns da. Es ist schön euch zu haben!

Räumlich liegen 204 km zwischen uns und nach 5 km habe ich bereits nasse Füße. Es geht unglaublich steil durch hohes feuchtes Gras bergauf. Ich werde allerdings durch einen atemberaubenden Blick auf Burg Blankenburg entlohnt. Warum war ich nie auf dieser Seite, wo ich doch schon seit 4 Jahren hier in der Gegend rumlaufe? Wäre ich nicht mit meiner Frau verheiratet würde ich ihr hier auf dieser Bank einen Antrag machen. Weiter geht es auf schönen Singletrails. So habe ich mir das vorgestellt. Leider ist der Rucksack 2kg schwerer als im Training. Er wiegt 10,2kg und das macht sich durchaus auch schon am Anfang bemerkbar. Anstiege fallen schwer. Ich beschließe ab sofort bergan zu gehen um Energie zu sparen. Ein weiser Entschluss, denn die Energie wird mir im Laufe des Vorhabens noch des Öfteren ausgehen. Etwa bei Kilometer 24 lege ich dann mein erstes kleines Päuschen ein.

Blos nicht überpacen. Ich habe doch den ganzen Tag Zeit. Ich telefoniere kurz mit meiner Frau, die sich heute mit dem Auto auf den Weg nach Alzenau macht. Wäre schön, wenn ich Sonntag wieder mit ihr und den Kindern zurück fahren könnte. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Nach ein paar Nüssen und einem Energie-Gel geht es weiter. Viel Natur, wenig Zivilisation. Ich begegne dann aber doch 3 Menschen, die mich neugierig fragen, was ich denn vor hätte. Sie sind beeindruckt und reden mir Mut zu. Aber noch bin ich echt fit, die Laune ist prächtig. Ich befinde mich in einem Runnershigh. Es duftet nach Frühlingsblüten, die Beine laufen wie ein Uhrwerk, ich singe Stadionlieder. Warum auch immer? Schalalala Schalalalalalalalaaaaaa! Dabei ist das Pokalfinale doch erst in einer Woche?! Das mit der guten Laune ändert sich dann aber vorerst, nachdem ich mich immer wieder durch dichtes Dickicht schlagen muss. Anfangs finde ich das noch amüsant und abenteuerlich. Später nervt es mich, weil ich nur langsam voran komme und mir allmählich das Wasser ausgeht. Das wird im Laufe des Home2Home immer wieder zum Problem. Nicht die Distanz ist die größte Herausforderung, sondern die Suche nach Wasser, die Bodenbeschaffenheit und die Höhenmeter, die im Plan mit gut 3.000 angegeben waren. Am Ende waren es aber knapp 8.000 Meter. Ein kleiner aber feiner Unterschied, der sich mit 10kg Gepäck echt bemerkbar macht. Ob diese Faktoren mich scheitern lassen steht zu einem späteren Zeitpunkt auf Messers Schneide. Davon ist jetzt noch nichts zu spüren. Ich komme gegen Mittag nach 33 km in Altenkirchen an. Hier schlurfe ich in einen REWE und werde von den Kunden beäugt. Ich kann ihre Fragen von den Gesichtern ablesen. „Was macht der Typ mit so einem Riesen Rucksack, Isomatte und Trinkflaschen in unserem Supermarkt?“ Unbeeindruckt lege ich ein Snickers, eine Brezel, eine Cola und eine große Flasche Wasser aufs Kassenband. Das Wetter ist ein Traum. Gut 20 Grad und purer Sonnenschein. Das muss man nutzen. Ich setze mich also raus in die Sonne, genieße mein Essen und die kalte Cola.

Dann fülle ich noch meine Flaschen auf. Eine Stunde später bin ich wieder unterwegs. Erst mal langsam machen. Der Bauch drückt ein wenig. Ich genieße die Freiheit. Die Laufbewegung wirkt sich langsam meditativ auf mich aus. Der Kopf ist bereits abgeschaltet. Der Zustand lässt sich am besten mit dem Begriff „Stille“ beschreiben. Keine Musik im Ohr, keine lauten Gedanken, nicht mal leise Automotoren. Alles ausgeblendet, der Körper bewegt sich einfach nur noch vorwärts, fast mechanisch. Das ist das Beste was einem bei einem Ultramarathon passieren kann. Doch leider endet dieser Zustand bei ca 48 Kilometern. Der Mann mit dem Hammer hat ausgeholt und zugeschlagen. Was soll das? War doch gerade noch so schön.

Egal, dann marschiere ich halt jetzt durch diese traumhafte Gegend bis ich wieder Kraft geschöpft habe. Ein paar Kilometer und ein kurzes Päuschen später geht’s auch wieder, zumindest kurz. Dann das nächste Dickicht, durch das ich mich schlagen muss. Der Weg hat einfach geendet. Ich bin zum ersten Mal so richtig genervt. Dachte eigentlich ich kann es mir auf dem Campingplatz noch ohne Zeitdruck so richtig gemütlich machen, aber ich ahne schon jetzt, dass daraus nichts wird. Hoffentlich komme ich überhaupt dort an bevor es dunkel ist. Dieses Gestrüpp immer wieder kostet einfach unglaublich viel Zeit. Aaaaargh!!!

Dafür stehe ich nach dem Kampf durch altes Gehölz direkt am Wasser. Ein kleiner See. Sofort ist wieder Energie da. „Ich bin der König der Welt!“ Noch nie hat mich dieser Ausruf in völliger Einsamkeit so beflügelt. Für einen ganz kurzen Augenblick glaube ich es tatsächlich. Ich bin der Mac, der Herrscher über die Wälder. Das ist mein See, mein Westerwald, mein… ach hör auf zu träumen! Meine Beine sind am Arsch! Trotzdem tragen sie mich die nächsten Kilometer echt schnell zum nächsten See. Denn dort ist eine kurze Rast geplant. Hier hole ich mir eine eiskalte Cola. Also so eine aus der Werbung mit kleinen Tröpfchen am Glasrand, wovon sich ein größerer Tropfen löst und langsam geschmeidig hinunter gleitet. Steeldrums spielen eine Reggae Version von „Things go better with Coca-Cola“ natürlich nur in meinem Kopf. Sowieso spielt sich viel mehr im Hirn ab als man denkt und vor allem als man bewusst merkt. Die Beine können eigentlich viel schneller und weiter, werden aber immer wieder vom Kopf zurück gehalten. Meine das nächste Mal bei Kilometer 62, nach knapp 2000 Höhenmetern.

Es ist bereits 18 Uhr und ich bin einfach nur platt. Den Rest der heutigen Strecke lege ich zu einem großen Teil gehend zurück. Wobei ich 5 Kilometer auch noch einmal richtig Gas geben muss um dem Ladenschluss von Lidl zuvor zu kommen. Ich brauche dringend Wasser für die Nacht. Als ich den Discounter erreiche stelle ich fest, dass er doch eine ganze Stunde länger geöffnet hat als gedacht.

Nach einem Augenblick des Ärgerns gibt die Situation mir aber Mut. Wenn Druck da ist kann ich mehr aus mir rausholen als ich eigentlich denke. Das sollte mir Hoffnung für mein weiteres Vorhaben geben. Jetzt also auf die Zielgerade der ersten Etappe, vollbepackt wie ein Esel liegen noch Rund 5 km vor mir. Ein Anwohner von Westerburg legt mir noch eine Abkürzung zum Campingplatz ans Herz. Er ist dafür extra aus seinem Garten gestürmt und hat sich einige Minuten Zeit gelassen mir alles in Ruhe zu erklären. Ich hatte nicht mal gefragt, er hat mir einfach angesehen, dass ich Hilfe gebrauchen kann. Es gibt doch noch Menschlichkeit in unserer Welt. Es sind unter anderem diese kleinen Momente die solche Strapazen lohnenswert machen. Es ändert sich der Blickwinkel wenn man körperlich oder mental am Ende ist. Kleinigkeiten lösen ein verhältnismäßig großes Glücksgefühl aus. Das merke ich immer wieder seit dem ich laufe. Zurück zu dem hilfsbereiten Mann mittleren Alters. Er vergewissert sich ob es mir gut geht und wünscht mir weiterhin eine gute Reise. Ich befolge seinen Rat zur Laufroute und das ist auch gut so, sonst wären weitere unnötige Höhenmeter hinzu gekommen. Nicht dass man das jetzt falsch versteht. Ich laufe gerne. Auch gerne mal hoch und runter. Aber doch nicht mehr jetzt. Vor allem wenn ich an die folgenden beiden Tage denke. Und überhaupt, warum habe ich schon deutlich über 2000 Höhenmeter auf der Uhr? Dann muss es ja ab morgen echt flach werden. Dass das ganz und gar nicht so ist werde ich noch am eigenen Leib erfahren. Im Waldstück vor dem Wiesensee überkommen mich dann die Gefühle. 77 Kilometer liegen hinter mir und ein paar hundert Meter vor mir der Campingplatz. Bitte lass ihn noch geöffnet haben, denke ich mir. Ich habe Glück. Kurz nach 9 schlurfe ich in die Camp Kneipe.

Da ruft eine Frau: „Da ist er ja! Da ist er!“ Ein Mann kommt auf mich zu und ich bin etwas verwundert, warum man mich hier erwartet. Doch es scheint ein Missverständnis zu sein. „Ich bin zu Fuß hier.“ antworte ich auf die Frage, wo denn mein Wohnmobil stehe? „Ach dann bist du gar nicht der Heinz?“ „Nein, aber darf ich hier trotzdem mit einem kleinen Zelt übernachten?“ „Klar.“ „Seht ihr das ist noch ein echter Mann!“ ruft er den anderen Kneipenbesuchern zu. Freundlich werde ich einem Platz zugewiesen und ich bekomme sogar ein Stromkabel direkt in mein Zelt gelegt. Außerdem sind sie so freundlich und kochen mir heißes Wasser für mein „Maccaroni and Cheese“ Pulver. Lecker!

Danach nehme ich noch eine Dusche und verarzte meine 8 Blasen an den Füßen. Dann ist Zeit zu schlafen, es ist bereits nach 23 Uhr. Es wird kühl in der Nacht. Immer wieder wache ich auf. Ich spüre meine Knochen. Das kenne ich aber bereits aus Namibia. Gehört dazu und soll mich nicht beunruhigen.

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