Home 2 Home – Etappe 2

Tag 2. Es ist Samstag der 12.Mai 2018. Um 5 Uhr werde ich von den unglaublich lauten Vögeln geweckt. Ich bleibe noch ein bisschen liegen. Die Kälte kriecht in die Ritzen, alles ist feucht. Ich räume mein Gerümpel aus dem Zelt in der Hoffnung, dass die Klamotten und vor allem die Schuhe noch etwas trocknen. Dann lecker Müsli frühstücken, Zähne putzen und letzte Vorbereitungen treffen. Der Tag kann beginnen. Ich bin optimistisch. Deutlich weniger Kilometer, nämlich „nur“ 62 stehen auf dem Programm. Ich bin bereit. Zweite Etappe ich komme.

Und ich werde begrüßt mit einem wunderschönen Singletrail auf dem Wied Wanderweg. So kann ein Tag beginnen. Die Sonne lacht mich auch schon an. Ich könnte die Welt umarmen. Es klingt etwas kitschig aber ich bin eins mit meiner Umgebung. Das wird mein Tag! Nicht. Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Also renne ich erst Mal fröhlich durch die Holzbachschlucht über grandios schöne Trampelpfade, überquere abenteuerlich einen Fluß um festzustellen, dass ich ein paar Meter weiter auch einfach die Brücke hätte nehmen können. Aber wieso einfach wenn es auch schwer geht?! Deshalb verlaufe ich mich auch kurz darauf einfach noch mal. Weil’s so schön ist.

Dann ein paar Video Aufnahmen. Meine Stimmung ist gut und die Beine wollen auch… Noch. Auf ein Mal. Schluss mit lustig. Immer und immer wieder muss ich mich durch Dickicht und hohe unebene Wiesen schlagen. Das kostet Kraft, viel Kraft. Nicht nur körperlich sondern auch mental. Ich komme kaum voran und wenn ich eine Passage überwunden habe wartet schon die nächste. Was ist da los? Warum? Ich habe niemandem was getan? Ich will doch einfach nur laufen. Ich bin am verzweifeln. Angeblich kommen Krisen und gehen Krisen. Das mit dem Kommen stimmt, aber gehen wollen sie heute nicht mehr. Die Leichtigkeit und Freude vom frühen Morgen ist dahin. Stattdessen stelle ich mir immer häufiger die Frage, was ich hier eigentlich tue. Das hilft nicht weiter. Ich versuche mich zu motivieren, aber es will einfach nicht gelingen. Zu regelmäßig die Rückschläge. Ich fange an laut zu schimpfen. Hin und wieder lache ich mich selber aus. Galgenhumor. Es ist wie wenn ich mich von außen beobachte. Man könnte auch sagen, ich stehe neben mir. Ich bin schon jetzt fix und fertig.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich gerade mal 20 Kilometer hinter mich gebracht. Wie soll das nur enden? Inmitten einem Brennnessel Meer zum Beispiel durch das ich mich mit einem Stock, umfunktioniert zur Machete, schlagen muss. Oder vielleicht kurz darauf im Dornengebüsch in dem immer wieder mein Rucksack festhängt. Hier würde mich niemand finden. Mitten im Nirgendwo. Ich würde elendlich vor mich hin krepieren. Ok. Jetzt geht die Fantasie wieder mit mir durch. Ich kämpfe, ich fühle mich wie ein Held, der sich durch den Dschungel schlägt. Stets sein Ziel vor Augen. Wenn du den Westerwald überlebst kann dir niemand mehr was. Und soll ich euch was verraten? Ich habe ihn überlebt. Am späten Mittag bin ich in Merenberg angekommen. Ein schönes kleines Örtchen in dem ich eine Metzgerei aufsuche um mein Wasservorrat aufzufrischen. Das war bitter nötig. Mir wird noch eine gute Fahrt gewünscht. Als ich erwähne, dass ich zu Fuß unterwegs bin, ist die nette Dame etwas überrascht. Das sei ja noch schlimmer! Ich kann das in diesem Moment nicht wirklich überzeugend verneinen. Komisch, wo ich doch das Radfahren echt nicht mag. Die Burg, die ich hier eigentlich besichtigen wollte lasse ich zu meiner Schande einfach links liegen. Kurz darauf sind die 100 Kilometer geknackt und ich feier Bergfest meines Home2Home Laufs. Zu feiern ist mir aber heute gar nicht zu Mute. Im Gegenteil. Mir kommen die Tränen. Ich werde emotional. Das ist mir bereits in Namibia auf der langen Etappe passiert. Scheinbar gibt es da tatsächlich einen Punkt, wenn ich diesen überschreite schlägt das auf eine Gehirnwindung, die für Emotionen zuständig ist. Ich würde nicht sagen, dass ich im normalen Leben ein wenig emotionaler Mensch bin. Im Gegenteil. Aber normalerweise lasse ich mir das nicht anmerken. Ich zeige sehr selten wie es mir wirklich geht, vor allem wenn es mir mal nicht so gut geht. In dem Zustand aber, in dem ich mich jetzt befinde, platzt es aus mir raus. Ich denke an meine Mam, an meinen Dad. Wenn ich jetzt 1000 km laufen müsste um die Krankheit meiner Mam zu heilen, ich würde es tun. Leider ist das nicht möglich. Aber ich kann ihr nah sein, jeden schönen Moment mit ihr intensiv genießen. Diese Gedanken lassen die Probleme vor denen ich bei meinem Lauf stehe kleiner erscheinen und geben mir Mut das hier durchzuziehen. Mein Schritt wird wieder schneller und ich bin fokussiert. Dann stehe ich auf einer Aussichtsplattform. Zu meinen Füßen liegt Weilburg.

Ein wunderschönes Städtchen an der Lahn. Zwischen Felswänden führt eine Natursteintreppe hinunter direkt in die Altstadt. Dort am historischen Stadttor lasse ich mich im Schatten nieder. Es ist heiß, ich muss durchatmen und eine Kleinigkeit essen. Ich Strecke die Beine aus und beobachte die vielen Touristen.

Nicht zu laufen kann auch mal ganz nett sein. Wobei man heute auch nicht wirklich von laufen sprechen kann. Heute gehe ich wandern. Aber das ist OK für mich. Das Gelände ist zum größten Teil echt heftig. Nach der Pause geht es erst mal über Asphalt weiter. Eine willkommene Abwechslung. Aber dafür geht es steil nach oben, wäre ja auch zu schön gewesen mal ein paar schnelle Kilometer zu machen. Trotzdem laufe ich jetzt. Die halbe Stunde Auszeit hat gut getan. Dann finde ich mich in einem Tierpark wieder. Ich fühle mich ganz gut nachdem ich einige Kilometer laufen konnte. Es ist ein großer Tierpark. Allerdings entdecke ich nur wenige Tiere aber davon habe ich in freier Natur schon genug gesehen. Nach ca 1,5 Kilometern komme ich am anderen Ende an. Eine Mauer. Ein großes Tor. Bitte lass es nicht abgeschlossen sein! Oh nein! Meine Befürchtung hat sich bewahrheitet. Ein riesen Schloss hindert mich am durchgehen. Zurück? Vergiss es! Ich kletter drüber. Rucksack aus, auf die Mauer schmeißen und klettern. Doch keine Chance, die Mauer ist zu hoch. Ich versuche es erneut. Wieder und wieder. Schließlich muss ich aufgeben. „Ich kotz im Strahl!“ ist das Originalzitat aus dem Film. Das trifft es ganz gut. Ich bin mehr als genervt von dieser Situation. Gerade als ich mich richtig zusammengerissen habe und die letzte Motivation aus den hintersten Ecken zusammen kratzen konnte, dieser Rückschlag. Es ist nicht nur der Tierpark den ich zurück muss, sondern auch die Straße die dort hin führt. Es sind zusätzliche 3 Kilometer, was mit schmerzenden Füßen und Beinen sehr weit sein kann. Für wirklich wirklich seltene Tiere, die ich sonst in meinem Leben nicht zu Gesicht bekommen hätte, hätte ich einen 3 Kilometer Spaziergang an einem anderen Tag durchaus in Kauf genommen. Aber um nach den heutigen Strapazen zwei Wildschweinen beim Schlafen zuzuschauen steht mir gerade nicht der Sinn. Und dann muss ich auch noch über eine stark befahrene Bundesstraße. Das ist echt nicht mein Tag. Ich beschimpfe die Autofahrer, die gefühlte Zentimeter an mir vorbei rauschen. Die Landschaft rauscht alles andere als an mir vorbei. Ich schleiche dahin. Bei Kilometer 50 lasse ich mich nach 11,5 Stunden auf einer Bank an einem kleinen See nieder.

Ich kämpfe mit den Tränen. Es ist der Moment an dem ich mir eingestehe, dass ich diese Etappe nicht wie geplant beenden kann. Ich fühle mich nicht mal in der Lage nach einem geeigneten Platz für mein Zelt zu suchen geschweige denn das Zelt aufzubauen. Ich beschließe mich zum nächsten Ort durchzuringen um eine Pension oder eine andere Schlafmöglichkeit zu finden. Abgesehen davon brauche ich dringend Wasser. Ich traue mich seit einigen Kilometern nichts mehr zu trinken aus Angst keine Möglichkeit zu finden die Flaschen wieder aufzufüllen. Also aufraffen und mich zum nächsten Ort schleppen. Doch hier gibt es weder einen Supermarkt noch eine Tankstelle oder einen Kiosk. Aber da hinten! Eine Pension. Ich gehe zielstrebig darauf zu um dann, als ich davor stehe, festzustellen dass das mal eine Pension war. Ein völlig herunter gekommenes Haus. Mist! ich muss zum nächsten Ort. In Weilmünster gibt es Einkaufsmöglichkeiten. Natürlich verlaufe ich mich noch kurz. Dabei finde ich aber ein Restaurant. Das Schild „Geschlossene Gesellschaft“ schlägt mir wie eine Faust ins Gesicht.

Egal, ich muss sowieso in diese Kleinstadt. Schließlich brauche ich ja auch ein Bett. Das mit dem Zelten habe ich mir für heute endgültig abgeschminkt. Wenn es noch eine Chance geben sollte meinen Home2Home in diesen 3 Tagen zu schaffen, dann nur wenn ich die dritte Etappe ausgeschlafen angehen kann. Tatsächlich finde ich einen Getränkemarkt und ein anderer Kunde erklärt mir den Weg zu einem Hotel. Es ist das einzige hier und ich hoffe, dass sie ein Zimmer für mich haben. Auf dem Weg dorthin hält aus dem Nichts ein Auto neben mir. Eine nette junge Frau fragt ob sie mich ein Stück mitnehmen sollen? Ich weiß gar nicht wie mir geschieht. Ich sehe so fertig aus, meint sie. Wahrscheinlich hat sie Recht, trotzdem ein wahnsinnig netter Move einen wildfremden dermaßen verschwitzten Mann so etwas zu fragen. Und das obwohl ich gar keine Anzeichen gemacht habe, dass ich mitfahren möchte. Ich verneine. Sie fahren weiter und meine Gedanken springen hin und her. Sie reichen von: Du Idiot! Über: Ich bringe das alleine zu Ende! Bis zu: Das waren Offenbacher. Mein Geburtsort. Ich wusste es, man tut der Stadt unrecht. Sie ist nicht assi. Dort wohnen die nettesten Menschen der ganzen Welt! Wie auch immer. Ein paar Minuten später erreiche ich das Hotel und ich bekomme ein Zimmer. „Ihr Fahrrad können sie im Hinterhof abstellen.“ wird mir vom freundlichen Personal empfohlen.“ Als ich erzähle was ich hier tue ist das Erstaunen groß. Das macht dann für einen kurzen Augenblick schon ein bisschen stolz. Dann lasse ich mich erschöpft aufs Bett fallen.

Für mich ist die Reise hier beendet. Das war’s! Ich werde morgen zum Bahnhof gehen und dann auf dem schnellsten Weg nach Hause. Und jetzt erst Mal unter die Dusche. Was für ein Luxus! Die Spaghetti Bolognese gibt es heute kalt. Schmeckt nicht aber egal. Ich habe ein Bett. Ich telefoniere mit meiner Frau, mit Rafael und schreibe mit meinen Jungs. Nebenbei läuft der Eurovision Song Contest. Wie gerne würde ich weglaufen, wenn ich nur könnte. Nachdem ich 2 Stunden hier rumgelegen habe, komme ich dann doch zu dem Entschluss heute erst mal nichts zu entscheiden. Ich werde sehen, wie es mir morgen geht und dann entscheiden ob ich es versuche oder aufgebe. Es wird eine Nacht, wie ich sie noch nie erlebt habe. Eigentlich alles normal, bis ich plötzlich wach werde. Ich liege in einem klitschnassen Bett. Und ich meine klitschnass. Nein, mir ist kein Missgeschick passiert und ich hatte auch keine feuchten Träume. Das hätte für dieses Ausmaß auch im Leben nicht ausreichen können. Ich habe einfach nur geschwitzt. Und wie! Ich stehe auf, mache das Licht an und man kann meinen kompletten Körper auf der Matratze als Silhouette sehen. Ungelogen. Was jetzt? Zum Glück habe ich ein Doppelbett. Ich lege alles mit Handtüchern aus und hoffe dass das bis zum nächsten morgen getrocknet ist. Bin ja selten peinlich berührt aber das wäre durchaus ein Grund. Ich habe Glück. Um 8 Uhr stehe ich auf und der Schatten meiner selbst ist kaum mehr zu sehen. Ich bin völlig bei mir. Viel wichtiger noch, mir geht es verhältnismäßig gut.

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