Home 2 Home – Etappe 3

Statt den nächsten Bahnhof zu googlen suche ich mir eine Nummer vom nächsten Taxiunternehmen heraus. Ich lasse mich zurück zur Strecke bringen um wenigstens diese zusätzlichen Kilometer zu sparen. Der Renndirektor (ich selbst) hat mir dazu die Freigabe gegeben. Optimistisch geht es im Laufschritt nach einer netten Unterhaltung mit der Taxifahrerin weiter. In Usingen, dem Ort in dem ich eigentlich campen wollte, begegne ich einem älteren Mann, der hier seine tägliche 2 km Runde dreht. Ob ich in dem Alter mich Immer noch für das Laufen begeistern kann? Ich hoffe das meine Knochen das mitmachen. Es ist schön. Immer wieder komme ich mit Menschen ins Gespräch, die wissen wollen was ich mache. Ein Mountainbiker begleitet mich einige hundert Meter und erzählt mir von seinen Touren nach Holland. Er spricht mir Mut zu. Das tut gut. Ich habe heute wieder Spaß am Laufen. Es rollt. Das ist gut so denn die heutige Etappe umfasst 72 km und 2700 positive Höhenmeter. Die Gewitter in der Ferne sind meine persönlichen Samba Bands am Streckenrand, die mich nach vorne peitschen. Und jetzt heißt es wieder Wasser suchen. Mein Navi führt mich direkt zu einem REWE. Gute Planung ist einfach die halbe Miete. Doof nur dass wir Sonntag haben. Ich Vollpfosten! Zum Glück finde ich in dem Ort noch einen Kiosk. Es kann also gut gelaunt mit schweren Beinen weiter gehen. Auf dem Limes Erlebnispfad geht’s durch den Taunus.

Wer den Westerwald überlebt hat schafft auch dieses Mittelgebirge. Es ist wunderschön hier und an einem Aussichtspunkt, den ich „Klein Kanada“ nenne, mache ich Rast.

Rafael ruft an und motiviert mich für die letzten 50 km. Es wäre in diesem Moment gar nicht notwendig gewesen, denn ich fühle in dem Augenblick gerade nur Glück. Ich bin einfach froh das hier machen zu dürfen. Meine Blicke schweifen über die Baumkronen und einen tief unter mir liegenden See. Mich überkommt ein starkes Freiheitsgefühl. Das ist genau das was ich wollte. Ein paar Nüsse, Salztablette, ein Gel und 2-3 tiefe Schlücke Wasser später befinde ich mich wieder auf einem Singletrail, der sich durch die Natur schlängelt. Natürlich geht das nicht ewig so weiter. Auch heute übermannt mich irgendwann die Erschöpfung. Ich beschließe mich flach auf ein offenes Feld zu legen und ein halbes Stündchen die Augen zu schließen. Einmal Schuhe aus und einfach die Seele baumeln lassen.

Das wieder in die Schuhe reinzwängen ist nicht lustig mit meinen leicht geschwollenen und mit Blasen übersäten Füßen. Aber nach ein paar hundert Metern gewöhnt man sich wieder daran. So, und dann gehen die Getränke Vorräte wieder zu neige. Ich spreche Hunde Herrchen an, wo ich hier in der Gegend was kaufen könnte. Kein Kiosk, keine Tankstelle in der Nähe aber ein Döner. Eingeloggt und angepeilt. Und für mich außergewöhnlich auch direkt gefunden. Der Budenbesitzer hält einen Plausch mit mir. Er erzählt mir, dass es auf unserer Welt viele verrückte Menschen gibt. In seinem Heimatdorf in der Türkei wurden letztes Jahr 2 Touristen ermordet. Einfach so. Ich solle also auf mich aufpassen. Danke! Wo geht’s hier nochmal raus?! Passender Weise verdunkelt sich der Himmel. Es fängt an zu regnen. Hast du schonmal versucht einen Poncho über einen Rucksack mit angehängter Isomatte zu ziehen? Nach gefühlten 8 Versuchen gebe ich auf. Ich spreche eine Frau an und frage, ob sie mir das Präservativ überziehen kann. Sie tut es und ich bedanke mich artig. „I’m singing in the rain“ kommt mir in Vorfreude auf meine Familie über die Lippen. Überhaupt hilft es wenn man seinem Ziel näher ist. Ich bin mir jetzt sicher es heute zu schaffen auch wenn man immer demütig sein sollte. Wie sagte einst Christoph in der Namib Wüste zu mir. „Jeder Schritt kann der letzte sein.“

Jetzt geht es durch Hanau. Das erste Mal seit ungefähr 37 Stunden auf den Beinen ist mir die Gegend vertraut. Hier bin ich zur Schule gegangen. Hier habe ich meine ersten Konzerte gespielt und betrunken in den Bars getanzt. Knapp 20 Kilometer liegen jetzt noch vor mir. Der Regen wird stärker, ich bin komplett durchnässt. Der Poncho ist längst wieder abgestreift. Es ist einfach nicht das Selbe mit einem Überzieher. Ich will die Natur spüren, jede Facette. Das ist Leben. Das ist mit ein Grund warum ich das hier tue. Auf ein Mal geht alles ganz schnell. Ich bin in Alzenau im Wald. Der Ort etlicher Fahrradtouren und Cowboy und Indianer Spiele der Kindheit. Dann komme ich am Tennisclub vorbei, zu dem ich Jahre lang als Jugendlicher zum Training geradelt bin. Die Apfelwiese. Sie war schon Thema in meinem ersten Rapsong „Tagebuch“. Quasi mein verlängertes Wohnzimmer. Hier halte ich kurz inne. Ich lasse die letzten 3 Tage revue passieren. Aber ich denke auch noch ein Mal über das „Warum“ nach. Und ich bin mir in dem Moment sicher, dass es auch was mit dem Thema Verarbeitung zu tun hat. Mir kommen die Tränen als ich an meine Mam denke. Wie gerne wäre ich ihr jetzt in die Arme gerannt. Wie damals als kleiner Junge. Aber sie kann leider nicht hier sein. Sie ist seit Anfang des Jahres im Pflegeheim. Grundsätzliches schießt mir durch den Kopf. Ist ein zu Hause nicht da wo die Liebe ist? Und kann man davon nicht mehrere haben? Ich denke schon. Home2Home: Von zu Hause nach zu Hause. Es ist gar nicht wichtig, ob es von Hennef nach Alzenau ging. Es ist nur ein Symbol. Ich liebe meine Familien. Die eine Familie wurde von ihren Flügeln nach Hennef getragen, die andere hat ihre Wurzeln in Alzenau. Dazwischen liegen 204 km. Das kann zu Fuß sehr weit sein. Im Herzen ist es bloß ein Schlag. Und nicht nur das. Ich habe vor einigen Jahren noch eine dritte Familie dazu gewonnen. Meine Schwiegerfamilie. Und die stehen auch an der Ziellinie. Zusammen haben sie mir einen wundervollen Empfang bereitet. Dafür bin ich euch sehr dankbar. Die Kinder haben Banner gebastelt. Sie tröten und klatschen. Ich bin angekommen. Überglücklich und völlig am Ende.

Hier noch Mal der Film:

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