MTUT – Maintal Ultratrail

Samstag, der 14.7.2018, um 7 Uhr Ortszeit stehe ich tatsächlich an der Startlinie einer deutschen Meisterschaft im Ultratrail. 64,5 km mit 1740 Höhenmetern stehen mir bevor. Ich fühle mich gut, bin komischerweise kaum aufgeregt. Ich spüre einfach nur Vorfreude. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich echt gut vorbereitet fühle. Nach meinem Home2Home mit 204 km in 3 Tagen als Grundlage habe ich noch einige Longruns auf der Platinman Strecke (30 – 37km mit 850 HM) in direkter Vorbereitung absolviert. Also alles entspannt und es herrscht eine lockere Atmosphäre.

Vom Chef Organisator gibt es ein kurzes Briefing und der Präsident des DUV hält auch noch eine kurze Ansprache. Viele hochkarätige Anwärter auf den Meistertitel stehen mit mir im gleichen Startbereich. Moritz auf der Heide, Janosch Kowalczyk (Ultratrail WM 10ter), Alexander Dautel (aktueller 100km Deutscher Meister), Frank Merrbach (aktueller 50km Deutscher Meister) um nur einige zu nennen. In der weiblichen Konkurrenz sieht es nicht anders aus. Und dann ist es soweit. Über 300 verrückte Ultraläufer stürmen die Trails bei Veitshöchheim.

Nach den ersten 2 km schweift mein Blick von Läufer zu Läufer und ich überlege wer von denen wohl in etwa in meinem Tempo laufen wird und ob sich daraus wohl kleine Grüppchen bilden könnten. Kurz darauf, als sich das Feld etwas auseinanderzieht, passiert genau das. Es hat sich eine kleine 3er Gruppe gebildet. Wir laufen Ferse an Ferse. Das ist Racing! Das macht Launa. Bei den Downhills habe ich immer wieder das Gefühl etwas schneller zu können. Da die Durchschnittspace aber leicht schneller ist, als das was ich mir vorgenommen habe entscheide ich mich dazu keinen Angriff zu wagen und in der Gruppe zu bleiben. Ich lasse in den flachen Passagen die Lücke immer etwas größer werden um in den Downhills diese wieder zu schließen. Dann zieht einer der beiden doch noch etwas an. Wir lassen ihn ziehen. Das ist gut so. Ich bin sowieso etwas zu schnell. Den anderen der beiden lasse ich beim nächsten Downhill dann doch hinter mir. Erst mal wieder Solokämpfer. Ich schließe aber kurz darauf auf einen weiteren Läufer auf. Ein Grund mein Tempo neu zu überdenken. Ich versuche die Pace etwas runter zu schrauben. 5:45 min/km sollte reichen. An der Verpflegungsstation brauche ich etwas. Ich verliere ein paar Plätze. Das geht mir übrigens an jeder Station so. Aber die Zeit will ich mir auch gönnen. So treffe ich immer wieder die gleichen Mitstreiter. An den Stationen überholen sie mich und auf der Strecke sammel ich sie wieder ein. Eine Art Mini-Lauf-Ziehharmonika.

Bei Kilometer 28 habe ich mein erstes Tief. Ich bekomme Knieschmerzen im linken Bein.

Doch ich habe dazu gelernt. Ich bleibe erstaunlich ruhig. Wechsel vom Laufschritt kurz in’s Gehen. Atme ein paar mal bewusst tief durch und versuche mich zu fokusieren und positive Gedanken durch meinen Kopf zu jagen. Ich laufe wieder los. Der Schmerz bleibt vorerst. Ich entschließe mich an einer Bank in den Weinbergen eine kurze Pause einzulegen und mich um mein Knie zu kümmern. Es ist nicht das Gelenk, es ist eine Überlastung der Sehne, vermutlich durch die schnellen Downhills. Ich stütze es mit einem Druckverband. Gedanken schießen durch den Kopf. Es sind noch 36 km. Das kann ich so niemals schaffen. Doch diese Gedanken schiebe ich erst mal beiseite. Wenn es nicht sein soll, soll es nicht sein. Ich wundere mich über mich selbst wie gelassen ich heute bin. Der Home2Home und der Namibia Wüstenultra tragen wohl langsam Früchte. In dieser Hinsicht habe ich mich tatsächlich geändert. Vorbeilaufende fragen mich ob ich Hilfe benötige. Kein einziger läuft einfach an mir vorbei. Das ist Trail. Jeder für jeden. Einfach toll! Ich gehe langsam weiter. Wechsel nach ca. 1 km wieder in den Laufschritt. Ich habe das Gefühl es geht wieder deutlich besser. Ich bleibe vorsichtig. Die bergab Passagen gehe ich jetzt anders an. Langsamer, und ich versuche mit dem anderen Bein zu entlasten. Das kostet Zeit aber schont doch merklich das ledierte Knie. Ein paar Kilometer später geht es los mit den ersten Krämpfen. Nicht schlimm. Immer nur leicht. Aber so, dass man stets damit rechnen muss, dass ein richtiger Krampf durchkommt. Ich lenke wieder die Gedanken auf das Positive. Heute habe ich null Probleme mit meinem Magen, wie bei anderen langen Läufen zuvor. Diese Strecke, sie ist einfach wunderschön. Ich darf bei den Deutschen Meisterschaften mitlaufen. Das alles ist so wundervoll! Ich kann zwar meine angepeilte Pace von 6:00 min/km nicht mehr halten aber die Zuversicht steigt, dass ich das hier zu Ende bringen kann. Die Knieschmerzen sind deutlich weniger geworden. Meine Energie allerdings auch. Ich werde zunehmend langsamer. Die letzten 15 Kilometer wechsel ich zwischen Laufen und Gehen. Das liegt aber auch an den schon wirklich fordernden Anstiegen mit teilweise 50% Steigung.

Nach 7 Stunden und 41 Minuten erreiche ich mit einem Lächeln im Gesicht die Ziellinie. Es ist Platz 119 geworden. 15ter in meiner Altersklasse.

Vanessa und Ronny, zwei sehr gute Freunde, nehmen mich in Empfang. Ronny ist den T30 (die 30 km Distanz) gelaufen. Ich schmeiße mich auf den Boden. Dort liege ich die nächsten 2 Stunden. Jetzt kommen sie doch noch die richtigen Krämpfe. Salztabletten habe ich eigentlich genug genommen. Ich schmeiße trotzdem noch welche nach. Als ich mich endlich aufraffe und mich auf eine Bierbank setze wird es mir ganz anders. Der Kreislauf spielt verrückt. Mir wird schlecht. Die aufmerksamen Johanniter haben das scheinbar bemerkt und holen mich ab. Ich soll mit ins Zelt kommen. Sie wollen meinen Blutdruck, den Blutzucker und den Sauerstoffgehalt im Blut messen. Ich fühle mich gut aufgehoben und bin dankbar es mir auf einer gemütlichen Liege bequem machen zu dürfen. Ronny und Vanessa sind ununterbrochen an meiner Seite und versorgen mich mit Getränken. Ihr seid toll!

Als es mir dann wieder besser geht, gönne ich mir eine Bratwurst und ruhe mich noch etwas aus. Was für ein Tag! 4:30 Uhr auf die Autobahn gut 7,5 Stunden laufen. 3,5 Stunden rumgammeln und um 18:30 Uhr wieder zurück auf die Autobahn. Schlafen, Laufen, Essen/Trinken, Schlafen. Was will man mehr?

Dem Veranstalter muss ich ein großes Lob aussprechen. Man merkt, dass beim Maintal Ultratrail viel Herzblut steckt. Super Streckenführung über größtenteils Singletrails mit tollen Ausblicken auf das Maintal. Üppige Verpflegungsstationen und eine durchweg freundliche Atmosphäre. Empfehlenswert.

Die Tage danach kann ich mich kaum bewegen und die Fehler, die ich bei diesem Lauf gemacht habe, werden mir immer bewusster. Ich bin es mal wieder etwas zu schnell angegangen. Wobei das wahrscheinlich nicht mal viel zu schnell war. Das Hauptproblem waren die Downhills, die ich einfach runtergebrettert bin. Das zerstört die Muskeln und geht auf die Gelenke. Das hat sich in der Mitte des Rennens schon gerächt. Daraus resultierten vermutlich auch die Krämpfe. Da bedingt das eine das andere. Man lernt einfach bei jedem Rennen dazu. Das nächste mal gehe ich wieder ein Stück rutinierter an den Start und begehe vielleicht einen Fehler weniger. Übrigens, etwa eine Stunde nach mir kam der älteste Teilnehmer ins Ziel. Er ist 79 Jahre alt. Hut ab! Sicherlich eine Ausnahme, aber dennoch gibt es mir Mut diesen Sport noch ein paar Jährchen ausüben zu können.

Bleibt mir noch den neuen deutschen Meistern im Ultratrail zu gratulieren:

Herzlichen Glückwunsch

Pia Winkelblech

und

Moritz Auf der Heide

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: