Bienwald Backyard Ultra

Wenn bei einem Wettkampf jemand schneller ist als du, ist das kein Problem. Wenn das aber jemand ist, der nicht mal dabei ist und dann auch noch im Stehen schneller ist als du beim Laufen, dann hast du ein Problem. Und dann ist auch klar, dass das kein gewöhnlicher Lauf ist, sondern eine ganz besondere Veranstaltung. 17 der 18 Starter bei diesem Last Man Standing Lauf werden diesen übrigens nicht beenden. 10 sind gar nicht erst angetreten. Der Gewinner wird so eine Art Chuck Norris des Bienwald Backyards. Alle anderen werden ein DNF erleben. Es wird auch mein erster Did Not Finish, soviel war mir schon vor dem Start klar. Doch wie lange werde ich durchhalten? Wie oft werde ich die 2 Hands Bridge überqueren?

Fakten zum Wettkampf:

Es wird eine 6,706 km Trail Runde gelaufen und zwar zu jeder vollen Stunde. Wenn man nicht 30 Sekunden vor dem nächsten Start an der Startlinie steht ist man raus. Nachts wird auf eine Asphalt Runde gewechselt. Hält man 24 Stunden durch hat man genau 100 Meilen gemacht. Sieger ist der, der alleine eine Runde mehr schafft als die anderen. Natürlich innerhalb der 60 Minuten. Der Gewinner bekommt ein Golden Ticket zu der Mutterveranstaltung in Tennesse (USA) vom legendären Gary Cantrell aka Lazarus Lake, der auch den berüchtigten Barkley Marathon ausrichtet.

Meine ganz persönliche Challenge kann beginnen. Es ist Donnerstag der 20.6. und ich mache mich auf den Weg zum alljährlichen Cousin und Cousinen Treffen in Kandel. Dieses Jahr habe ich das einfach kurzerhand auf das lange Wochenende gelegt. Denn hier findet dieses wunderbare Rennformat statt. Michael Ohler, selbst beknadeter Ultra Läufer (u.a. Western States, UTMB)  hat es auf die Beine gestellt. Er wird von seiner Familie und dem TSV Kandel unterstützt. Man bin ich gespannt wie sich das anfühlt. So richtig trainieren kann man das ja nicht. Ich hab’s versucht, bin aber im Training nicht über 6 Runden raus gekommen. Das ist ein knapper Marathon. Mehr muss ja auch nicht im Übungsmodus. Und so sah das aus der Perspektive meiner Frau und meiner Kinder aus:

Schließlich muss auch das Equipment und die Ernährung getestet werden. Soweit so gut.

Am Vorabend ist also Pastaparty und ich hole meine Startnummer ab. Es herscht eine lockere familiäre Atmosphäre bei lecker Nudeln und Pfälzer Grumbeere mit Quark. Georg Kunzfeld hat 50 Stunden angekündigt. Das wäre Golden Ticket Race Rekord (bisher 41 Runden / Irland). In den USA schaffte Johan Steene 68 Runden beim Big Dog’s Backyard. Das sind in Zahlen: 456 km. Für mich aus einer anderen Galaxy. Wahnsinn! Courtney Dauwalter wurde Zweite mit 67 Runden. Hier in Kandel tritt nur eine Frau an, Jenny-Ann Erling aus Schweden. Ich habe das Glück, dass meine Cousine um die Ecke wohnt, die meisten anderen Läufer schlafen im Auto oder haben ihr Zelt im Stadion aufgebaut.

Ich gehe gut gesättigt etwas aufgeregt ins Bett. Wie vor den meisten Rennen schlafe ich schlecht. Dann stehe ich auf, noch bevor mein Wecker klingelt und mir fährt ein Krampf in die linke Wade. Oh nein! Und das schon vor dem Lauf. Das kann ja was werden. Also nochmal schnell die Waden ausrollen und dann ab ins Stadion.

Ich richte mich, wie all die anderen Läufer, ein. Klappstuhl, Sonnenschirm, Kühlbox, 7 paar Laufschuhe, Getränkepulver, Nüsse, Salztabletten, Mückenspray, Gels etc… Alles muss griffbereit gelegt werden um in den Pausen effektiv und schnellen Zugriff zu haben. Andere haben Supporter dabei, die sich in den Pausen um alles kümmern. Für so ein Format wirklich sehr sehr sinnvoll, wie sich rausstellt.

Nach einer kurzen Ansprache von Michael Ohler erklingt zum ersten Mal die Glocke. Das bedeutet in 3 Minuten geht es los. 2 Minuten vor dem Start erneut und dann noch ein letztes Mal eine Minute vor dem Start. So ist das vor jeder Runde.

Zur ersten Runde ist der Bürgermeister gekommen. Er lässt es sich nicht nehmen den Startschuss für den BBU abzufeuern.

Eine halbe Runde auf der Tartanbahn und dann raus in den Wald. An den Bäumen neben dem Trail immer wieder Schilder mit Motivationssprüchen, die einen zum Schmunzeln bringen. Schon jetzt ist klar es ist eine Veranstaltung in die sehr viel Herzblut gesteckt wurde. Auch die Strecke ist perfekt gewählt. Keine Höhenmeter und dennoch abwechslungsreich genug um viele Runden laufen zu können.

Doch wie soll ich es angehen? Ich habe immer wieder hin und her überlegt. Schneller laufen, dafür längere Pausen? Oder langsam laufen und kurze Pausen? Was ist auf die Distanz wohl die bessere Taktik? Ich entscheide mich dazu es am Anfang sehr ruhig an zu gehen. Immer wieder lege ich Gehpausen ein. Ich nutze dafür Fixpunkte. Eine lange Gerade über eine Lichtung scheint mir dafür wie geschaffen. Hier gibt es auch weniger Stechmücken als im Wald. Am Ende dieser Geraden bin ich am Ende des Feldes. Die hinteren Läufer sind gerade noch in Sichtweite. Ich lasse mich aber nicht verunsichern. Dann geht es wieder über in den Laufschritt und ich schließe wieder auf das Feld auf. Ins Ziel komme ich im hinteren Mittelfeld. So ist das die ersten drei Runden.

Die vierte Runde traue ich mich dann das erste Mal etwas mehr auf die Tube zu drücken. Ich möchte danach die Schuhe wechseln. Während ich das tue bekomme ich einen leichten Krampf im rechten Oberschenkel. Was ist denn heute nur los?! Auch mein Puls macht mir Sorgen. Er ist viel zu hoch für das langsame Tempo. Am Anfang dachte ich das wäre die Aufregung, aber nach vier Runden hat sich das nicht geändert. Seltsam! 20 Schläge höher als normal bei diesem Tempo sollte der Puls auch nicht bei dieser Hitze sein. Egal. Ich schau was geht und habe einfach Spaß.

Also Schuhe wechseln und weiter geht’s. Ich habe jetzt eine Art Routine. Schnelle und langsame Runden variieren scheint mir für mich die beste Lösung zu sein. So hat man immer mal wieder längere Pausen in denen man organisieren kann. Pulver in die Mischgetränke, Uhr aufladen, etc… Außerdem mache ich nach jeder Runde (naja fast jeder) ein Bild von mir um meinen Zustand festzuhalten.

Es läuft jetzt echt gut. Die Krämpfe haben sich nicht weiter ausgebreitet. Das habe ich ganz gut im Griff. Auch das mit dem Essen und trinken funktioniert. Das war ja nicht bei allen meinen Läufen so. Davor hatte ich am meisten Angst. Meine Familie kommt vorbei. Das gibt mir einen zusätzlichen Motivationsschub. Auch die anderen Läufer machen es zu einem tollen Event. Es es lustig und unterhaltsam. Phillip und Alex treffe ich immer wieder an den selben Stellen. Wir haben ähnliche Ziele. Einfach schauen was geht. Es wäre schön es bis zur Nachtrunde zu schaffen. 100 km wären der Traum. Es gibt halt doch auch normale Menschen bei so einem Lauf. Wobei, das liegt ja auch im Auge des Betrachters bzw hängt das von der Perspektive ab. Auf jeden Fall geht es immernoch wesentlich verrückter als man es sich vorstellen kann.

Nach Runde 7 gehe ich kalt duschen (naja, zumindest bis zur Körpermitte). Eine Wohltat bei dieser Hitzeschlacht. Außerdem wechsel ich erneut das Schuhwerk. Die fett gepolsterten Hokas sind jetzt gut für die Füße. Wobei meine Beine bisher echt noch relativ fit sind. Ich bin überrascht wie gut es läuft. Das Format scheint mir zu liegen. Ich glaube mitlerweile fest daran, dass ich die 100 km heute schaffen kann.

Jetzt gehe ich auf zwei langsame Runden. Komischerweise wird mir nicht langweilig. Ich habe kein Bedürfnis meinen MP3 Player mit auf die Strecke zu nehmen. Spannend finde ich es die andern Läufer zu analysieren. Was haben sie für Taktiken? Einige laufen jede Runde gleich, andere machen es wie ich und variieren. Noch sind alle im Rennen. Eine weitere Runde später höre ich die Schwedin lauthals singen. Zuerst habe ich mich etwas erschrocken. Ich dachte es wäre etwas passiert. Sie zieht konstant ihre Runden und mausert sich später unter den Läufern zur Geheimfavoritin. Nach 10 Runden steigen 3 Läufer aus. Die Hitze zollt ihren Tribut. Runde 12. Ich will nochmal eine schnelle Runde einstreuen um nochmal in den Genuss der Dusche zu kommen. Jonathan bekommt das mit und zieht mich. Er ist ein junger aber sehr erfahrener Ultraläufer. Nach dieser Runde müssen weitere 4 Läufer die Segel streichen. 11 Läufer sind noch im Rennen. Mein Minimalziel ist erreicht. Ich wollte nicht als erster Teilnehmer Aussteigen. Jetzt noch eine Waldrunde zum genießen und dann geht es auf den Asphalt.

Die Runde ist ein anderes Kaliber. Möglichst trist und eintönig soll sie sein. Schließlich soll das ganze hier eine mentale Herausforderung sein. Die Psyche wird genauso gefordert wie der Körper. Das habe ich im Vorfeld schon erfahren. Und genau so ist es. Aus dem Stadion raus und gerade aus bis zu einem Wendepunkt. Dann wieder zurück zum Stadion und links weg. Einen großen Kreis laufen und wieder zurück zum Stadion. Einmal komplett rum und wieder rein. Die einzigen Lichtblicke sind die Sprüche an den Straßenlaternen und die zahlreichen Glühwürmchen, denen man unterwegs begegnet. Auch im Stadion hat die Crew von Michael Aufmunterungen aufgestellt.

Ich habe seit der vorigen Runde leichte Kreislaufprobleme und das Essen und trinken fällt mir schwer. Andreas, der spätere Gewinner sagt, das wäre kein Problem. In der Nacht wird es kühler und nach 24 Stunden sehe ich dann weiter. Ne, is klar! Ich will aussteigen. Vielleicht wäre noch eine oder zwei Runden drin. Aber jetzt fängt auch mein Knie an zu schmerzen. Mir fehlen die Ziele um mich noch zu motivieren. Nach der nächsten Runde sind es 100 km. Mehr als ich jemals an einem Tag gelaufen bin. Ich entschließe mich die 15.Runde so zu absolvieren, dass ich es gerade im Zeitlimit schaffe. Ich höre auf. Die Entscheidung steht. Oder doch nicht? Doch! Es macht keinen Sinn. 20 Runden, 150km, 24 Stunden. Alles Ziele die in unendlicher Ferne liegen. 120km ist zu unsexy. 100km ist super. Damit bin ich fein. Also go for it! Phillip hat den selben Plan. Er hat keine GPS Uhr mehr und will sich einfach vor mir aufhalten um sicher zu gehen, es zu schaffen. Nach knapp 15 Stunden um kurz vor 23 Uhr laufe ich also über meine persönliche Finishline. Ich bin im Ziel und muss trotzdem mein erstes DNF erleiden. Wenn sich das immer so gut anfühlt habe ich davor keine Angst mehr. Ich bin glücklich und hoch zufrieden. Michael hängt mir meine Medaille um. Ich drücke ihn und gratuliere ihm zu dieser wirklich tollen Veranstaltung.

Ein unfassbar nettes Team hat hier eine tolle Atmosphäre geschaffen bei der es an nichts gefehlt hat. Ich freue mich jetzt schon auf nächstes Jahr! Was auch immer ich mir dann für ein Ziel setze. Vielleicht ist es aber auch manchmal besser sich keine Ziele zu setzen und es einfach auf sich zukommen zu lassen. Ich vermute so hat es auch der Gewinner, Andreas Löffler, getan. Er ist unglaubliche 46 Runden gelaufen. Zusammen mit Harald Menzel sind sie 20 Stunden zu zweit unterwegs gewesen. Harald hat nach über 100 km die Rundenbestzeit von 28 Minuten auf die Strecke gelegt. Ihr seid doch alle verrückt! 😉

Ergebnisliste_BBU_2019

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